"Aus dunkler Tiefe ans helle Licht"

Bild der 25. Woche - 17. bis 24. Juni 2002

Richard Earlom (~ 1742/43 - 1822): "Eine Eisenschmiede" (nach J. Wright), 1773, Schabkunst, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 1954/29, 47,6 x 58,0 cm
Abb. 1 und Abb. 2

Geschichte Die Schabkunst-Technik geht auf Ludwig von Siegen (1609 bis nach 1680) zurück, der sie um 1640 herum entwickelte. In geheimnisvoller Umschreibung war sie in Deutschland auch als schwarze Kunst bekannt, wurde ansonsten jedoch meist als Schabkunst, Schabtechnik oder Mezzotinto bezeichnet. Die überaus malerische Wirkung dieser Technik beruht auf dem stufenlosen Übergang der Grauwerte von Weiß nach Schwarz. Das erste Schabkunstblatt, ein Porträt der Landgräfin Amelie Elisabeth von Hessen, entstand 1642/43. Ludwig von Siegen gab sein Wissen an Prinz Ruprecht von der Pfalz (1619 -1682) weiter, der die Schabkunst seinerseits nach England vermittelte, wo sie im 18. Jahrhundert zu höchster Blüte entwickelt wurde und deshalb auch als Englische Manier bezeichnet wird. Earlom war unumstritten einer ihrer bedeutendsten Repräsentanten. Technik Der wesentliche Unterschied zwischen der Schabkunst und anderen druckgraphischen Techniken besteht darin, daß der Schabkünstler nicht etwa die später im Druckbild dunkel erscheinenden Partien anlegt, sondern in einer Art Negativ-Verfahren Helligkeitsstufen aus einer speziell präparierten Platte herausarbeitet. Walter Koschatzky, langjähriger Leiter der Wiener Albertina, beschrieb die Entstehung wie folgt: "Er [der Künstler] holt sozusagen das Bild aus der Dunkelheit." Wie aber hat man sich das vorzustellen? Voraussetzung für dieses Verfahren ist die Verwendung einer speziell präparierten Kupferplatte. In einer langen und mühsamen Prozedur wird die Kupferplatte zunächst mit dem sogenannten Wiegemesser - dessen bogenförmige Schneide ist kammartig gezackt - ganzflächig aufgerauht (Abb. 1). Würde von dieser Platte mit rauher Oberfläche jetzt gedruckt, erhielte man ein Druckbild in einheitlichem, samtigen Schwarz. Ludwig von Siegen hatte ganz richtig erkannt, daß nur eine aufgerauhte Plattenoberfläche - hier vergleichbar der Aquatinta - der Druckfarbe den nötigen Halt geben konnte. In einem weiteren Arbeitsschritt bearbeitet der Künstler die rauhe Plattenoberfläche dann mit dem sogenannten Schabeisen. Es wird wie ein Polierstahl benutzt und dient zum Glätten der rauhen Oberfläche. Und zwar an den Stellen, an denen in der Darstellung später eine Aufhellung gewünscht wird. Ist die Arbeit des Künstlers abgeschlossen, wird die Platte mit Farbe eingerieben und dann mit Lappen, Tüchern und dem Handballen blankgewischt. Die Farbe verbleibt jetzt nur in den aufgerauhten Vertiefungen. Je glatter die Oberfläche, desto weniger Farbe findet hier Halt, was im Druckbild einer entsprechend hellen Stelle entspricht (Abb. 2). Mit der Schabkunsttechnik war es möglich, auch Flächen in Schwarz und Halbtönen zu drucken. Die Beschränkung auf die zeichnerische Linie wich hier dem moduliert-flächigen Aufbau von Tonwerten, was bisher nur durch die Anlage von Schraffuren (Kupferstich, Radierung) oder einer stufigen Ätzung (Aquatinta) illusionistisch erzeugt werden konnte. Die außerordentlich malerischen Effekte, die mit dieser Technik zu erzielen sind, lassen sich von ihrer Wirkung her wohl am ehesten mit Schwarz-Weiß-Photographien vergleichen. Vorlageservice der Graphischen Sammlung: Vorlage von Originalen der Graphischen Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums - Fondation Corboud: Dienstags und Mittwochs zwischen 10.00 und 16.00 Uhr. Der Vorlageservice ist im Eintrittspreis des Museums enthalten. Weitere Informationen unter Tel.: 221-23492 oder 221-24405.

O. Mextorf