zärtlicher Kuß

Bild der 24. Woche - 10. bis 17. Juni 2002

Christian Gottfried Jüchtzer, Diana und Endymion, um 1787, Biskuitporzellan, Höhe 29,5 cm, Köln, Museum für Angewandte Kunst, E 4034

Zärtlich und behutsam zugleich wendet sich die halbbekleidete junge Frau dem Jüngling zu. Ihre Hand berührt dabei fast seine Schulter, mit ihrem Gesicht nähert sie sich seiner Wange. Gesten der Liebkosung deuten sich an, werden jedoch nicht ausgeführt. In dieser innigen Situation ist die Haltung des Jünglings für den Betrachter jedoch nicht ganz nachvollziehbar: Wie soll man seine Reaktion interpretieren, ist er der jungen Frau gewogen oder nimmt er ihre Nähe gar nicht wahr? Das Verhalten beider Personen erschließt sich beim Blick auf das dargestellte mythologische Thema: Artemis und Endymion. Vollständige Klarheit über die Darstellung erhält man jedoch erst dann, wenn man beachtet, daß Artemis häufig mit der Göttin des Mondes, Selene, gleichgesetzt wurde. Die griechische Göttin der Jagd, Artemis, - man erkennt ihren an den Felsen gelehnten Bogen und den Köcher mit den Pfeilen auf ihrem Rücken - nähert sich dem schlafenden Jüngling Endymion, König von Elis, um ihn zu küssen. Dieser Kuß ist wiederum eine Projizierung einer mythologische Szene der Selene: Wenn am Abend der Wagen des Sonnengottes Helios im Westen untergegangen ist, steigt die Mondgöttin Selene mit ihrem Gespann zum Himmel empor. Selene liebt den jungen, schönen Endymion, der schlafend in seiner Höhle auf dem Berge Latmus (Karien) liegt. Von Zeus vor die Wahl seiner Todesart gestellt, hatte sich der junge König vom höchsten der griechischen Götter ewigen Schlaf in Unsterblichkeit, Schönheit und Jugend erbeten. - Einer anderen Version nach versenkte Selene selbst den schönen Endymion in ewigen Schlaf, um den Geliebten nachts küssen zu können. Immerhin gebar sie Endymion im Laufe dieser Liebesgeschichte noch 50 Töchter. Durch die Verbindung der zärtlichen, aktiven Göttin mit dem schlafenden, daher passiven Jüngling gelang dem Bildhauer unseres Paares der Ausdruck des wiederholten, immer wieder andauernden Kusses. Es ist nicht ein Augenblick, der in der gegenseitigen Zuwendung aufgeht, es ist vielmehr die noch nicht vollendete Geste, die immer wieder den gleich erfolgenden Kuß erwarten läßt. Christian Gottfried Jüchtzer (1752 - 1812) schuf dieses kleine, dem Kölner Museum für Angewandte Kunst gehörende, Porzellanfigurenpaar um 1787 für die Porzellanmanufaktur Meißen. Die sächsische Porzellanmanufaktur orientierte sich dabei durchaus an derjenigen von Sèvres, welche in der damaligen künstlerischen Führungsrolle Frankreichs auch auf dem Gebiet der Figurengruppen Besonderes leistete. Unsere kleine Gruppe ist unglasiert, wurde jedoch zweimal gebrannt. Diese als "Biskuit" bezeichnete Technik erzeugte eine weißlich-poröse Oberfläche, welche dem Erscheinungsbild antiker Marmorfiguren ähnelt, und den kleinen Porzellanfiguren eine erstaunliche Wirkung zukommen läßt.

T. Nagel