Der Liebesbrief

Bild der 17. Woche - 23. bis 30. April 2002

Kleiner Teller, China, Quing-Dynastie, Kangxi-Ära (1662-1722), 3. Viertel 17. Jh., Holz, Schwarzlack, Gold-, Silber und Perlmutteinlagen, Durchmesser 12,4 cm Museum für Ostasiatische Kunst, Inv.-Nr. E 60,2 Geschenk des Herrn T. Y. King, Hongkong
Min Qiji (tätig 1580-1661), Das Westzimmer, Blatt 10 aus einer Folge von 21 Holzschnitten, Sechsfarbendruck 25,0 x 32,2 cm, China, Ming-Dynastie, zykl. datiert 1640, Museum für Ostasiatische Kunst, Inv.-Nr. R 62,1

Eine Frau, die in ihrem Schlafraum an einem geöffnetem Fenster steht, liest einen Brief. Einen Liebesbrief. Auf den ersten Blick erscheint sie unbeobachtet, allein bei der Morgentoilette. Doch hinter ihrem Rücken öffnet sich eine Tür einen Spalt breit und eine andere Frau späht in den Raum hinein. Die Lesende jedoch, vertieft in ihre Lektüre, bemerkt nicht, wie sie neugierig von der anderen beobachtet wird. Wer ist diese Frau? Welche Bedeutung hat die Szene, die den Spiegel des kleinen chinesischen Lacktellers (Durchmesser 12,4 cm) schmückt? Die sich hinter der Tür verbergende Frau, die die Intimität der Szene gleichsam vergegenwärtigt sowie stört, ist die Dienerin Hongniang. Sie beobachtet mit Spannung die Reaktion ihrer Herrin Yingying auf den von ihr übermittelten Liebesbrief ihres Geliebten Zhan Junrui. Die drei genannten Personen sind Hauptfiguren des Liebesromanes "Das Westzimmer" ("Xixiangji"), der in China im 16./17. Jhr. verschiedentlich als Lesebuch gedruckt wurde. Die Geschichte des Romanes basiert auf der Novelle "Schicksalhafte Begegnung" von Yuan Zhen (779-831) und wurde von Wang Shifu um 1295-1307 zum Theaterstück umgearbeitet. Schauplatz des Romanes ist der Tempel P'u-chiu in Ho-chung-fu während der T'ang-Dynastie unter der Regierung des Kaisers Te-tsung (780-805). In diesem besagten Tempel kommt es zu der "schicksalhaften Begegnung" zwischen dem jungen Zhan Junrui, der sich auf der Reise in die Hauptstadt zum Beamtenexamen befindet, und der schönen Yingying, die ihre Mutter, Witwe des Ts'ui, zur Beisetztung ihres Vaters begleitet. Zhan entbrennt in Liebe zu der schönen Yingying, die jedoch bereits einem anderen Mann versprochen ist. Erst als die Familie Ts'ui aufgrund von Unruhen und Plünderungen in der Stadt in großer Gefahr ist, und Zhan sie durch die Anordnung, den Tempel in dem sich die Familien aufhält, bewachen zu lassen, in Sicherheit bringen kann, gewinnt er das Vertrauen der Mutter Yingyings. Nun gilt es jedoch noch das Herz der Yingying zu erobern.... Zhan, der keine passende Gelegenheit findet, der Angebeteten seine Liebe zu gestehen, wendet sich, liebeskrank, an die Dienerin Hongniang. Diese rät ihm, der in der Dichtkunst bewanderten Yingying ein Liebesgedicht zu schreiben. Der Rat der Dienerin erweist sich als fruchtbar. Zwischen Yingying und Zhan entwickelt sich eine heimliche Liebesbeziehung, das "Westzimmer" des Tempels wird ihr geheimer nächtlicher Treffpunkt. Bevor Zhan zur Examensprüfung abreisen muss, verloben sich beide. Unter der Bedingung, dass Zhan die Examensprüfung bestehe, willigt die Mutter Yingyings in die Heirat ein. Die Liebe hat sich ihre Freiheit erkämpft. Ein Loblied auf die Freiheit der Liebe, ein in China beliebtes Thema, wird nicht nur in Roman und Theater, sondern auch als Illustration alltäglicher Gegenstände, wie eines Tellers, geschätzt. Entstanden ist der vorgestellte Lackteller vermutlich im 3. Viertel des 17. Jh. Die Szene, in der Yingying den Brief des liebeskranken Zhan findet und liest, ist äußerst naturnah dargestellt. Selbst das Interieur entspricht den Schilderungen der Romanvorlage. Während die Frisuren der Frauen mit den am Hinterkopf getürmten Haaren noch der Mode der Ming-Dynastie verpflichtet sind, findet sich die Vorlage für die Darstellung Yingyings mit geneigtem Kopf in Dreiviertelprofil in Holzschnittbüchern des 2. Viertels des 17.Jh. So zeigt beispielsweise ein Blatt der Farbholzschnittserie von Min Ch'i-chi zum "Westzimmer" (kleines Bild) ebenfalls die Szene, in der Yingying einen Brief liest. Auch hier ist ihr Kopf leicht geneigt im Dreiviertelprofil gezeigt. Die naturalistische Wiedergabe, ebenso wie die hohe technische Perfektion der Schwarzlackarbeit, bei der rosa-grün schimmernder Permuttdekor in hauchdünnen Plättchen auf den Schwarzlack aufgelegt, von einer weiteren Lackschicht überfangen und wieder abgeschliffen ist, weist auf eine Entstehungszeit in die Kangxi-Ära (1662-1722).

J. Schlecking