Augen-Blick

Bild der 22. Woche - 27. Mai bis 3. Juni 2002

Der Blick aus dem Bild. Weitere Angaben erhalten Sie durch Anklicken der einzelnen Ausschnitte
 
 
 

Gemälden begegnet man, indem man sie erblickt. Mit dem ersten Blick stellt sich zunächst ein Eindruck des Gesehenen ein. Erst dann entwickelt sich dieser Eindruck - je nach Auffassungsgabe und Vorwissen zu einer mehr oder weniger detailreichen, bewußten Wahrnehmung. Aber selbst bei einer Bildbetrachtung, die dem Betrachter nur wenig an Erkenntnis über den Bildinhalt vermittelt, wirken Blicke aus dem Bild hinaus auf den Betrachter fesselnd. Der Blick zieht den Blick des Betrachters an. Als der große Theologe und Kirchenreformer des 15. Jahrhunderts, Nikolaus von Kues, im Jahre 1453 sein Buch De Visione Dei - vom Sehen Gottes - verfaßte, bezog er sich darin auf eine Darstellung des Antlitzes Christi mit direktem Blick auf den Betrachter (s. erster Ausschnitt von oben): Jeder Betrachter fühlt sich direkt und durchdrungen angeblickt, wie viele Betrachter es auch sein mögen. Ein solches Bild, sagte Nikolaus von Kues, sei ein Gleichnis für Gottes Blick auf uns, auf jeden von uns. Der Blick in einem Selbstporträt (s. zweites Bild von oben) ist in erster Linie der Blick eines Malers in den Spiegel, in welchem er sein Äußeres wahrnimmt, um es malen zu können. Auf die Leinwand gebannt tritt dieser Blick jedoch aus der Beziehung des Malers zu sich selbst heraus, da das Betrachten des Bildes nun auch anderen möglich ist. Was ging im Kopf des Malers vor, als er sich malte? Kalkulierte er bewußt den fremden Betrachter ein oder malte er sein Selbstbildnis nur für sich? War er bei der Darstellung ehrlich oder hat er etwas verborgen? Die Augen Rembrandts amüsieren sich, sie schmunzeln darüber, daß der Betrachter über die Bedeutung dieses Selbstbildnisses grübelt. Daß sich Rembrandt in diesem Bild als den antiken Maler Zeuxis darstellt, der über die im Bilde perfekt gelungene Darstellung einer von ihm porträtierten, häßlichen Frau dermaßen ins Lachen kam, daß er daran erstickte, ist kaum zu erkennen. Rembrandt deutete die hinweisenden Attribute nur an, beschnitt sie oder ließ sie im Bilddunkel. Wollte er den Betrachter ein wenig auf den Arm nehmen oder verbirgt sich hinter der Darstellung eine kunsttheoretische Anspielung - wie oft bei der Darstellung des Zeuxis? Welche Wirkung hat der gemalte Blick auf den Betrachter, wenn ihm bekannt ist, daß er in die Augen des Auftraggebers eines Bildes blickt? Sicherlich hängt dies von der Beziehung zum Dargestellten ab. "Dies ist mein Vater!" - "Dieser neureiche Angeber!" - ..... Blicke erzeugen Gefühle. Ist der eine Blickpartner gemalt, kann man sie ungezwungener aussprechen. Dem Blick einer älteren Dame (s. drittes Bild) begegnet man heute vermutlich mit einer Mischung aus Mitleid und Schadenfreude. Vor diesem Bild des Wallraf-Richartz-Museums - Fondation Corboud wird so oft gelacht, wie vor keinem anderen. Klicken Sie auf die einzelnen Blicke, um die Gesamtansicht zu erhalten.

T. Nagel