Köln und die Reformation
Der erste evangelische Gottesdienst in der Antoniterkirche am 19. Mai 1805

Bild der 20. Woche - 13. bis 20. Mai 2002

Inneres der Antoniterkirche, gezeichnet von Thomas Cranz, aquarelliert von Adolf Wegelin, 1838 - 1841, 29,1 x 20,9 cm, Kölnisches Stadtmuseum - Graphische Sammlung HM 1905/43 - XVII,3, aus: Johann Peter Weyer, Bildliche Darstellung und Geschichtliche Nachrichten über die Kirchen in Cöln, 1852

Vor 200 Jahren, am 23. Mai 1802, fand in Köln erstmals ein offiziell genehmigter evangelischer Gottesdienst statt – mangels eigener Kirche im Saal der ehemaligen Brauerzunft an der Schildergasse. Nachdem 1520 Luthers Schriften als ketzerisch auf dem Domhof öffentlich verbrannt worden waren, war Köln dem Katholizismus treu geblieben. Auch die Reformationsversuche der Erzbischöfe Hermann von Wied und Gebhard Truchsess von Waldburg waren zum Scheitern verurteilt. Es gab in Köln zwar vier evangelische Gemeinden (niederländisch-reformiert, französisch- oder wallonisch-reformiert, deutsch-reformiert, deutsch-lutherisch), aber Gottesdienste waren ihnen in der Reichsstadt untersagt. Dieser Zustand änderte sich erst mit der französischen Besetzung, die im Oktober 1794 auch die Menschenrechte und damit die Freiheit des Glaubens brachte. In den napoleonischen Organisationsartikeln von 1801 wurde den Evangelischen Schutz zugesichert. Sie durften sich aus den vielen aufgehobenen Kölner Kirchen eine aussuchen. Man entschied sich für die Antoniterkirche mit zugehörigen Gebäuden als Kirche für alle vier Gemeinden - deren Innenansicht von 1838/41 unsere aquarellierte Zeichnung zeigt. Von der Kirchengründung bis zum protestantischen Gottesdienst 1298 war der Kölner Besitz der Sackbrüder (Fratres Saccati) den Antoniter-Chorherren übertragen worden. Diese hatten sich besonders die Betreuung von an Mutterkorn erkrankten Pilgern zur Aufgabe gemacht hatten. Bald gehörte zu jeder Niederlassung ein Hospital. Bereits im 14. Jahrhundert setzte der Niedergang des Ordens ein - nicht zuletzt wegen seiner Erfolge in der Bekämpfung der Mutterkornkrankheit, des "Antoniusfeuers". Der Baubeginn der Kölner Antoniterkirche wird auf 1350 datiert, spätestens 1384 wurde sie konsekriert. Es handelt sich um eine dreischiffige, querbaulose Basilika. Der Bau verzichtet im Innern und im Äußeren auf jegliche Bauzier, selbst die Strebebögen sind auf ein statisches Minimum reduziert. 1776/77 wurde der Orden dem "Haus des hl. Johannes zu Jerusalem" inkorporiert. Nur die Praeceptoreien in Höchst und Köln blieben erhalten. Im 18. Jahrhundert lebten im Kölner Haus neben dem Vorsteher, dem Praeceptor, nur noch sechs weitere Insassen. Am 14. August 1802 wurde die Praeceptorei aufgehoben. Der letzte Praeceptor Johann Peter Schumacher übergab die Kirche den in Köln ansässigen Protestanten. Anschließend wurde sie unter Leitung von Ferdinand Franz Wallraf für den protestantischen Gottesdienst umgebaut, z. B. wurden das Dach in klassizistischer Form neu ausgeführt, die Nordapsis abgemauert, das erste und dritte Pfeilerpaar entfernt und die neu entstandenen weiten Scheidöffnungen mit gedrückten Rundbögen geschlossen. Es sollte ein Raum mit wenig Sichtbehinderungen für den Predigtgottesdienst entstehen und mehr Platz geschaffen werden, darum wurden auch Emporen eingebaut. Am 19. Mai 1805 konnten Kölner Protestanten ihren Gottesdienst in der ersten ihnen gehörenden Kirche feiern. Das Innere der Kirche Wie unsere Zeichnung zeigt, war das Interieur des Chores nun ganz vom Klassizismus geprägt,. Die auf der Zeichnung gut erkennbare Empire-Eichenholzmöblierung stammte aus dem Jahre 1803. Die Sitzbänke waren nach Geschlechtern getrennt. Vor den Vorchorwänden stand je ein zweireihiges Chorgestühl, mittig befindet sich der Altar, umschwungen von einer korbbogig geführten, zweiteiligen Treppe. Die alles beherrschende Kanzel und ihr Schalldeckel sind Arbeiten des Schreiners Bernhard Nolden. Das goldene Strahlenbündel auf dem Schalldeckel wurde vom Maler und Vergolder Christian Franz Waltzer geschaffen. 1862 wurde alles, was an Napoleon erinnerte, aus der Antoniterkirche herausgenommen, zudem das Barockportal entfernt und durch eine "gotische" Vorhalle ersetzt. 1896 entfernte man Emporen, Orgelbühne und Kanzel und erneuerte sie neogotisch. Schon 1934 wurden diese Neuerungen wieder entfernt und das Kircheninnere schlichter umgestaltet. Am 31. Mai 1942, der "Nacht der 1000 Bomber", fiel auch die Antoniterkirche in Trümmer. Ab 1946 begann man mit dem Wiederaufbau. Vor 50 Jahren, am 18. Mai 1952, fand der erste Gottesdienst in der wieder aufgebauten Kirche statt, am gleichen Tag kam Ernst Barlachs "Schwebende" in den Chor.

R. Wagner