Lilien im Wind

Bild der 18. Woche - 30. April bis 7. Mai 2002

Lilien, Katsushika Hokusai (1760-1848), Farbholzschnitt, Ôban, 24,5 x 36,5 cm, Edo-Zeit, um 1830, Inv.Nr. R 89,3 Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Signiert: Zen Hokusai litsu hitsu Zensurmarke: Kiwame Verlagsmarke: Eijidô

Wie eine Nahaufnahme erscheinen die zwei Lilienstängel mit weißrosa Blütenblättern vor dem Auge des Betrachters. Ein Windhauch scheint die Blätter der Lilien zu bewegen. Die Lilie, sasa-yuri, gehört nicht zu den symbolträchtigen Blumen Ostasiens, vielmehr ist die Darstellung das Ergebnis bildnerischer Umsetzung von Naturbeobachtung. "Kopieren nach dem Leben", shasei, nennt man im Japanischen dieses Skizzieren nach der Natur. Wie heißt der Künstler, der diesen meisterhaften Farbholzschnitt geschaffen hat? Die Signatur am unteren rechten Rand "Zen Hokusai litsu hitsu" verrät es: Katsushika Hokusai. Hokusai (1760-1848) zählt zu den großen Meistern des japanischen Farbholzschnittes des 19. Jhs. Er beschäftigte sich eingehend mit der Malerei und Buchillustration, mit Natur- und Phantasie-Zeichnungen und hinterließ mehr als 30 000 Zeichnungen und Holzschnitte. Der hier vorgestellte, um 1830 entstandene Holzschnitt entstammt einer Serie von Einzelblättern, die "Große Blumen" genannt wird. In diesen Blättern wendet sich Hokusai dem Themenkreis der Blumen- und Vogelmalerei, kachô-e, zu. Die Behandlung der Blüten und Blätter der Lilien ist unterscheidlich: während die Innenseiten der Blütenblätter feinteilig und detailliert ausgeführt sind, wurden die breiten Blätter schnell und spontan gearbeitet. Beide Techniken gehen vermutlich auf Hokusais 1816 aufgestellte theoretische Überlegungen ("santai gafu") zurück, in denen er die drei Schrifttypen - Regelschrift, Kursivschrift und Konzeptschrift- auf die Zeichnung überträgt. So entsprechen die Blätter der spontanen Kursivschrift und die Blüten dem Typus der Regelschrift. Die Bewegtheit der Blätter entsteht dadurch, daß ein dunkles über ein helles Blaugrün gedruckt wurde. Gegenüber den Blüten ist die Ausführung bewusst spontaner. Hokusai bedient sich sparsamer Mittel, er verzichtet auf minuiziöse Detailzeichnungen ebenso wie auf eine Ausgestaltung des Bildhintergrundes. Einfachheit und Schlichtheit dominieren. In diesem Blatt drückt sich das Wesen der Blumen, ihre Leichtigkeit und Schönheit aus.

J. Schlecking