Das Jahr des Pferdes

Bild der 6. Woche - 4. bis 11. Februar 2002

Pferd mit getrimmter Mähne, Gebrannte Tonerde, Dreifarbenglasur (sancai), H. 78 cm, China, Tang-Dynastie, 1. Hälfte 8. Jahrhundert n. Chr., Museum für Ostasiatische Kunst, Köln Leihgabe Sammlung Peter und Irene Ludwig

Die chinesischen Tierkreiszeichen, von denen es wie in Europa zwölf gibt, wechseln nicht jeden Monat, sondern jedes Jahr. Nach dem Mondkalender fällt das chinesische Neue Jahr diesmal auf den 12. Februar, an dem das Jahr des Pferdes beginnt. Das Pferd ist ein hochgeschätztes Tier in China. Es steht für Mut, Stärke, Frohsinn und Unabhängigkeit, wobei es ursprünglich als weibliches Symbol (Yin) galt, gegenüber dem Drachen als männlichem Symbol (Yang). In jüngerer Zeit hat sich die Symbolik jedoch gewandelt, so dass das Pferd nun für das Yang steht und die Kuh für das Yin. Obwohl Pferde heute in den urbanen Zentren Chinas ein rarer Anblick sind, sind die Symbolik und die diversen Legenden, die sich um Pferde ranken, den Chinesen durchaus präsent. So galten Pferde als Verwandte der Drachen, die sich auch in der Gesellschaft anderer Fabelwesen durchaus zu bewegen wussten. Vielfach sind es auch Pferde, die einen Wagen auf einer himmlischen Reise ziehen oder ihren Reiter an sonst nicht erreichbare Ziele bringen. Schon seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. finden sich Pferde als Beigaben in den Gräbern reicher Fürsten, ranghoher Priester und edler Damen, die am Pferdesport ebenso begeistert teilnahmen wie die Herren. Schon um etwa 200 n. Chr. gab es für ihre Pferdedarstellungen bewunderte Künstler, aber zum eigenen Genre entwickelte sich die Pferdemalerei erst in der Tang-Zeit (618-907 n.Chr.) und erreichte unter der Regierung von Kaiser Xuanzong (reg. 712-756) ihre Blüte. Der zweite Tang-Kaiser Taizong (reg. 626-49) war so von Pferden angezogen, dass er den Erwerb von Pferden zu einem der Hauptbestandteile seiner Politik machte, denn Pferde hatten natürlich auch eine beträchtliche ökonomische und militärische Bedeutung für den chinesischen Staat. Die zu Pferd ausgetragenen Schlachten zwischen 618 und 623 verhalfen den Tang-Kaisern zu ihrer Macht. So verwundert es nicht, dass sich gerade in den Gräbern der Tang-Zeit viele Pferde-Darstellungen finden, die meisten davon als Skulpturen oder Plastiken aus Keramik, wobei häufig die eleganten zentralasiatischen Vorläufer der Araber-Pferde dargestellt wurden, die in China besonders begehrt waren. Das hier vorgestellte Pferd mit getrimmter Mähne ist ein typisches Beispiel für die in der Tang-Zeit üblichen Grabbeigaben. Es ist ein kraftvolles Rassepferd aus dem zentralasiatischen Ferghana, welches nach typisch sassanidischer Manier aufgezäumt und nach Tradition der nomadischen Steppenvölker im Norden Chinas gesattelt ist. Die Sassaniden (Persien) waren in der Reitkunst sehr bewandert, und brachten wichtige Neuerungen nach China. So ist der Schweif mit Bändern aufgebunden und die Mähne bis auf eine Partie zwischen den Ohren und eine direkt oberhalb des Sattels, an der sich der Reiter beim Aufsteigen festhalten kann, getrimmt. Auch die Verzierungen des Zaumzeugs wie Palmetten und muschelartige Gehänge gehen auf persische Vorbilder zurück. Die zentrale Rosette auf der Kruppe war ursprünglich von einem kegelförmigen Aufsatz gekrönt, der bei diesem Exemplar aus der Sammlung Peter und Irene Ludwig im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst leider abgebrochen ist. Die Form des Sattels mit den hohen Zwickeln und das als Satteldecke dienende Fell entstammen - wie bereits erwähnt - der Tradition der nomadischen Steppenvölker im Norden Chinas. Beides waren sehr komfortable Lösungen für die Bewältigung langer Strecken zu Pferde, die die Chinesen gern übernahmen. Die Gestaltung des Pferdes mit dem nach links gewendeten Kopf ist sehr typisch für die tang-zeitliche Kunst. Die vier Hufe des aus gebrannte Tonerde hergestellten Werkes stehen auf einer in etwa rechteckigen Basis, die unglasiert geblieben ist. Das Pferd selbst ist mit einer Dreifarbenglasur (chin. sancai) überzogen, deren hoher Bleigehalt einen starken Glanz hervorbringt. Pferde dieser Art wurden bereits im barocken Europa hoch geschätzt. Allerdings befinden sich heute nur wenige Exemplare in westlichen Sammlungen.

J. Altmann