Temperamentvolles Treffen

Bild der 4. Woche - 21. bis 28. Januar 2002

Albrecht Dürer (1471-1528), Das Männerbad, um 1496 Holzschnitt, 39,3 x 28,2 cm, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, Graphische Sammlung 1920/82
Vergleichporträts: oben: Lukas und Stephan Paumgartner als Heilige; unten links: Albrecht Dürer, Selbstbildnis von 1498, und Jabachaltar

Schon immer galten Dürers druckgraphische Blätter als Inbegriff der Künstlergraphik. Entsprechend früh trugen daher auch Sammler Dürers druckgraphisches Werk zusammen, weshalb es ausnehmend gut überliefert ist. Bereits von Raffael (1483-1529) wissen wir, daß in seiner Werkstatt druckgraphische Blätter Dürers hingen. Das hier vorgestellte Blatt trägt den Titel Das Männerbad und gehört zu Dürers frühesten Holzschnitten. Es entstand unmittelbar nach seinem ersten Italienaufenthalt (September 1494 - Frühjahr 1495), der ihn von seiner Heimatstadt Nürnberg über die Alpen nach Venedig führte. Durch die dortige Auseinandersetzung mit der italienischen Quatrocento-Malerei und der Antike wurden der nackte Mensch und die perspektivische Raumdarstellung zu zentralen Themen im Schaffen Dürers. So darf "Das Männerbad" auch als Musterauslese seiner anatomischen Studien verstanden werden, quasi als ein Beleg seiner in Italien neu erworbenen Kenntnisse. Dargestellt sind sechs männliche Aktfiguren in unterschiedlichsten Haltungen und Ansichten. Der beschriebene Ort ist ein städtisches Bad, eine öffentliche Institution also und typisch für die damalige Zeit. Doch Dürer ging es keineswegs um eine bloße Zurschaustellung seiner künstlerischen Fähigkeiten. Vielmehr führte er noch mindestens zwei weitere Bedeutungsebenen in das Bild ein. So handelt es sich - nach Ansichten der Forschung - bei den vier, um die Musikanten gruppierten Hauptfiguren (wenn Sie den Cursor auf die Darstellung bewegen, werden sie farbig umrissen) vermutlich um Darstellungen der vier Temperamente. Die Vorstellung von unterschiedlichen Wesensarten mit jeweils stereotypischen Charakterzügen geht auf die griechische Antike zurück und wurde von den Denkern der Renaissance wieder aufgenommen. Man begriff die Befindlichkeit des Menschen in Abhängigkeit vom Mischungsverhältnis seiner vier Körpersäfte, den sogennanten humores. Diese Körpersäfte sind neben der melania (schwarze Galle) das Blut (sanguis), der Schleim (phlegma) und die gelbe Galle (chole). Bezeichnenderweise unterscheiden wir noch heute den schwermütigen Melancholiker vom lebhaften Sanguiniker, den trägen Phlegmatiker vom aufbrausenden Choleriker. Und Dürer ging noch einen Schritt weiter. Die physiognomisch überaus genaue Charakterisierung der Dargestellten läßt vermuten, daß er die Schilderung der Temperamente mit einem Freundschaftsbild verknüpft hat, das den Künstler im Kreise enger Freunde zeigt. Vergleiche mit anderen (Selbst-)Bildnissen (s. kleines Bild) unterstützen diese These. So geht man davon aus, daß im Vordergrund die Gebrüder Paumgartner dargestellt sind (Auftraggeber für den Paumgartner-Altar); rechts mit der Blume Stephan Paumgartner als Sanguiniker (rot eingefasst) und links mit dem Schaber Lukas Paumgartner als Choleriker (grün eingefasst). Am rechten Bildrand, den Humpen zum kräftigen Schluck angesetzt, will man Willibald Pirckheimer (Humanist und enger Freund Dürers, gelb eingefasst), dargestellt als Phlegmatiker, erkennen. Dürer selbst wäre dann - der Literatur folgend - mit aufgestütztem Kinn (blau eingefasst) der Melancholiker, das seit Aristoteles dem Künstler zugeordnete Temperament. Ob es sich nicht eindeutiger bei dem rechten Musiker um ein Dürerportrait handelt, kann der Museumsbesucher am Original in der Graphikvorlage des Museums und am Selbstbildnis des Jabachaltares (s. kleines Bild) in der ständigen Sammlung überprüfen. Mit diesem mehrfach verschlüsseltem Blatt erreichte Dürer ein humanistisch gebildetes Publikum und weckte gleichzeitig die Nachfrage nach weiterer Graphik, die er u.a. mit seinem ersten großen Graphikzyklus, der "Apokalypse" (1498), befriedigte.

O. Mextorf