Schönheitskonkurrenz

Bild der 51. Woche - 17. bis 24. Dezember 2001

Pierre-Auguste Renoir und Richard Guino, Venus Victrix (Siegreiche Venus), 1914, Bronze, 182 cm hoch, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, SK 186
 

"Venus victrix" - "siegreiche Venus" - nannte Auguste Renoir (1841 - 1919), den Sie vermutlich eher als Maler, denn als Bildhauer kennen, seine etwas überlebensgroße, im Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud zu sehende Frauengestalt. Warum aber bezeichnet Renoir die Göttin, die einen harmlosen Apfel in der einen und ein Tuch in der anderen Hand hält, als "siegreich"? Um dies zu klären, müssen wir einen Ausflug in die antike Mythologie unternehmen: Bei einer mythischen Hochzeit warf Eris, die griechische Göttin der Zwietracht, einen Apfel mitten in die Festgesellschaft. Auf dem Apfel stand geschrieben: "Der Schönsten!" Natürlich entbrannte sogleich zwischen den wichtigsten Göttinnen Juno, Athena und Venus ein heftiger Streit. Alle beanspruchten den Apfel - und damit den Titel - für sich. Schließlich sollte Paris, ein jugendlicher Hirte, der allerdings königlicher Abstammung war, Richter über die Schönheit der Göttinnen sein. Jede Göttin versprach Paris etwas, damit er sie küren sollte. Paris ließ sich tatsächlich bestechen und reichte Venus den sprichwörtlichen Zankapfel. Diese hatte ihm nämlich Helena, die schönste Frau auf Erden versprochen und deren Liebe obendrein. Daß Helena bereits verheiratet war, das störte kaum, denn Paris raubte sie kurzerhand. Der dreiste Frauenraub aber führte sodann schnurstracks in den trojanischen Krieg, den größten aller mythischen Kriege. Seit der Antike wurde Paris' Urteilsspruch moralisch gewertet, schlug dieser junge Mann, dem offenbar jeglicher Weitblick fehlte, doch alle Gaben der Weisheit und klugen Staatsführung aus, um sich mit einer Schönen zu amüsieren. Der moralisch-sittliche Aspekt des Urteils geht jedoch in der Beurteilung des Mythos seit dem 18. Jhdt. zusehends verloren, am Ende bleibt nur der voyeuristische Blick auf eine Schönheitskonkurrenz. Venus also ging als Siegerin aus dem Wettbewerb hervor, weshalb ihr Renoir den Apfel, die Siegestrophäe, in die Hand legte. Unsere Venus, deren Modell wohl 1914 entstanden ist, ist nicht Renoirs einzige Auseinandersetzung mit dem Thema. Kurz bevor diese plastische Venus entstand, hatte der Künstler in einem Ölbild gleichsam den Mythos vom Parisurteil illustriert. Das Gemälde (s. kleines Bild) befindet sich heute im Museum von Hiroshima. Da Renoir als alter Mann den Anstrengungen des Plastizierens nicht mehr gewachsen war, modellierte er unsere Venus nicht eigenhändig, sondern ließ sie von Richard Guino ausführen, einem damals jungen Bildhauer, der bei dem französischen Bildhauer Aristide Maillol in die Lehre gegangen war. Auguste Renoir ist als Maler unzweifelhaft ein Impressionist. Aber wie sieht es mit dem Bildhauerpaar Renoir - Guino aus? Die Oberfläche der Plastik ist eben und glatt gearbeitet, so wird das Licht kaum gebrochen. Die Glätte der Oberfläche ist eher einem Neo-Klassizismus verpflichtet, wie er sich im späten 19. und frühen 20. Jhdt. bei einer Reihe europäischer Bildhauer finden läßt.

Th. Blisniewski