550. Todestag des Kölner Malers Stefan Lochner

Bild der 35. Woche - 27. August bis 3. September 2001

Stefan Lochner, Der Heilige Lukas, Ausschnitt aus: Altarflügel mit den Heiligen Markus, Barbara und Lukas um 1445/50, Eichenholz 100,5 x 58 cm, Wallraf-Richartz-Museum, WRM 68

Im August oder September 1451 starb Stefan Lochner, der berühmteste Repräsentant mittelalterlicher Malkunst in Köln. Lochner, dessen Nachnamen die Zeitgenossen mit langem "o" aussprachen, wurde wohl um 1400 als Sproß einer Schmiedefamilie in Hagnau am Bodensee geboren. Stärker als die seeschwäbische Malerei prägte ihn jedoch die Kunst der Niederländer, vor allem das Werk von Robert Campin und den Gebrüdern van Eyck, deren "Genter Altar" er vermutlich bald nach der Vollendung 1432 besichtigte. Die ausgeklügelte Bildgeometrie, die täuschend echte Wiedergabe von unterschiedlichsten Materialien, die Gestaltung von architektonischen Kulissen und die naturalistische Darstellung menschlicher Anatomie, die Lochner in Flandern studieren konnte, verband er auf geniale Weise mit dem Liebreiz und der mystischen Beseeltheit der Kölner Malerei, etwa des Meisters der Hl. Veronika oder des älteren Sippenmeisters. In der spätmittelalterlichen Metropole Köln ist Stefan Lochner erstmals 1442 nachweisbar, als er Dekorationsarbeiten im Zusammenhang mit dem Besuch König Friedrichs III. ausführt. Zwei Jahre später erwirbt er unter erheblicher finanzieller Anstrengung das repräsentative Doppelhaus "Zum alten Grin"/"Zum (kleinen) Karfunkel". Das Anwesen lag an der Ecke Quatermarkt/In der Höhle, somit zwar noch in einer Achse mit den Malerhäusern der Schildergasse, zugleich jedoch dicht am Machtzentrum Kölns, dem Rathaus. 1447 erwirbt Stefan Lochner das Kölner Bürgerrecht, denn er hat Aussicht darauf, zu Weihnachten jenes Jahres als Vertreter der Maler-Gaffel in den Rat gewählt zu werden. Bei den Sitzungen des Rates, die montags, mittwochs und freitags vormittags im Senatssaal im ersten Obergeschoß des noch jungen Kölner Rathausturmes stattfanden, blickt Lochner vielleicht auf eines seiner eigenen Werke, denn das um 1435 entstandene "Jüngste Gericht" (Wallraf-Richartz-Museum) war vermutlich zwischen den Fenstern der Nordwand, über den Sitzen der beiden Bürgermeister angebracht. Als Stefan Lochner nach den zwei üblichen Karenzjahren 1450 wiederum Ratsherr wird, scheint sich neben der künstlerischen auch eine politische Karriere abzuzeichnen, doch findet der glanzvolle Werdegang des Künstlers schon wenige Monate später ein jähes Ende. Von Pfingsten bis Weihnachten 1451 wütet in Köln die Pest und fordert über 20.000 Todesopfer. Stefan Lochner scheint im August erkrankt zu sein, denn Ende des Monats ist er bereits nicht mehr in der Lage, nach Meersburg zu reisen, um die Hinterlassenschaft seiner dort verstorbenen Eltern zu ordnen. In Köln sterben nun täglich 200 Menschen an der Seuche, darunter viele Kinder und Jugendliche. Der Kirchhof von Lochners Pfarrkirche St. Alban kann keine weiteren Leichen mehr aufnehmen und verbreitet in der brütenden Hitze des Spätsommers einen grauenvollen Gestank. Am 22. September 1451 stellen daher die Kirchmeister von St. Alban beim Rat den Antrag, das unbebaute Grundstück Quatermarkt 9, gleich neben Lochners Haus, als Pestfriedhof benutzen zu dürfen. Ob Stefan Lochner noch neben St. Alban oder bereits auf dem Notfriedhof südlich seines Hauses beerdigt wurde, ist unbekannt. Jedenfalls fiel auch seine Frau Lisbeth der Pest zum Opfer, so daß das prächtige Doppelhaus Anfang 1452 einem Gläubiger überschrieben wurde. Später lebten und arbeiteten hier andere Maler wie Hans von Memmingen, Johann Voess, Bartholomäus Bruyn d.Ä. und Bartholomäus Bruyn d.J. Mit dem Umzug ins neue Wallraf-Richartz-Museum, dessen Treppenhaus auf der alten Gasse In der Höhle steht, kehrten also gleich mehrere Bilder bis auf wenige Meter an den Ort ihrer Entstehung zurück - darunter z.B. diese Darstellung des Heiligen Lukas von 1445/50, der nicht nur als Evangelist, sondern auch als Patron der Maler verehrt wurde. Keines der Lochner zugeschriebenen Hauptwerke ist signiert. Vermutlich wäre der Name Stefan Lochners in völlige Vergessenheit geraten, wenn sich nicht sein Kollege Albrecht Dürer auf der Durchreise in Köln 1520 gegen Trinkgeld eine Tafel von "Meister Stefan" hätte aufsperren lassen. Seit 1823 wurde diese Notiz Dürers auf das sogenannte "Dombild" bezogen, also jenen Altar der Stadtpatrone, der sich ursprünglich in der Kölner Ratskapelle befand. Man identifizierte den von Dürer notierten "Meister Stefan" mit dem in Kölner Dokumenten nachweisbaren Maler Stefan Lochner und versammelte durch stilkritischen Vergleich um das Dombild ein Œuvre. 1986 erinnerte der aus New York stammende Kunsthistoriker Michael Wolfson nachdrücklich an den hypothetischen Charakter dieser Rekonstruktion, doch bleibt der Name Stefan Lochner weltweit ein Synonym für die Qualität und Ausstrahlung der mittelalterlichen Kölner Malerei.

R. Krischel