Prinzessin im Walde

Bild der 33. Woche - 13. bis 20. August 2001

Marianne Stokes (1855 - 1927), Melisande, um 1895/98, Tempera auf Leinwand, 87 x 52 cm, WRM 3623

"In dem Augenblick, wo ich sie an der Quelle fand, war eine goldne Krone ihr vom Haupt geglitten und auf den Grund des Wassers gesunken. Sie war auch ganz wie eine Prinzessin gekleidet ..." So schildert der Prinz Goland in Maurice Maeterlincks (1862-1949) Drama "Pelléas und Mélisande" das Auffinden seiner späteren Frau Mélisande im Walde. Goland weiß nicht, wer Mélisande ist und woher sie kommt, und der Zuschauer des Dramas erfährt es auch nicht. Goland nimmt Mélisande mit aufs Schloß, wo er zusammen mit seinem Großvater, dem König, und seinem Bruder Pelléas lebt. Pelléas und Mélisande freunden sich bald an, doch hat Mélisande den Unterschied zwischen kindlicher Zuneigung und der Liebe der Erwachsenen noch nicht kennengelernt. Dies führt zu tragischen Verwicklungen, an deren dramatischem Ende Goland seinen Bruder Pelléas tötet. Mélisande stirbt aus Kummer. Maurice Maeterlincks Drama, 1893 in Paris uraufgeführt, war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sehr populär. Claude Debussy schuf zu dem Drama seine einzige Oper, die Komponisten Arnold Schönberg, Jean Sibelius und Cyril Scott ließen sich zu symphonischen Dichtungen anregen, und Gabriel Fauré schrieb die Bühnenmusik zur Londoner Aufführung von 1898. Hier könnte Marianne Stokes, die Malerin der "Melisande", das Drama auf der Bühne gesehen haben. Marianne Stokes wurde in Graz geboren und besuchte nach den Akademien in Graz und München die in Paris. Ebendort lernte sie ihren späteren Ehemann, den englischen Maler Adrian Stokes, kennen, dem sie nach England folgte. Beinahe den oben zitierten Text des Dramas illustrierend, hat Stokes Melisande versonnen am Rand einer Quelle bzw. eines kleinen Bächleins sitzend dargestellt. Sie ist von ihrem schlanken Aussehen her ganz femme-enfant, Kindfrau. Ihr leuchtend rotes, langes Kleid fällt bis ins Wasser hinab, wo die goldene Krone sichtbar ist. Obgleich Melisande sich nach Maeterlinck wohl schon geraume Zeit im Wald aufhielt, ist ihr rotbraunes Haar hier bestens geordnet und hochgesteckt, und auch das Kleid zeigt keine Spuren beschwerlicher Waldgänge. Das Bächlein, der Wald und die versonnene Melisande erzeugen beim Betrachter eine elegisch-verträumte Stimmung. Alles ist voller geradezu märchenhafter Geheimnisse und Rätsel, die auch Maeterlinck nicht lüftet. Materlinck und auch Marianne Stokes sind dem Symbolismus verpflichtet, einer geistesgeschichtlichen Strömung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Symbolisten wollten Gegenpol zur sinnenbezogenen Kunst des Impressionismus und Realismus sein. Das Rein-Sichtbare sollte durch Ideen und Gefühle, durch Visionen und Traumgebilde bereichert oder sogar ersetzt werden. Und wirkt nicht Stokes Melisande tatsächlich wie ein Märchen(-bild) aus uralten Zeiten?

Th. Blisniewski