Kanzan und Jittoku
Zwei kauzige Gesellen des Zen

Bild der 39. Woche - 24. September bis 1. Oktober 2001

Kanzan und Jittoku, (chin. Hanshan und Shide), Itô Jakuchû (1716-1800), Tusche auf Papier, 105 x 28 cm, Gedichtaufschrift von Takai Tangai (tätig 1804-1817), Japan, Edo-Zeit, um 1763 Köln, Museum für Ostasiatische Kunst, A 11,6

Zen (chin. chan ) ist eine Form des Buddhismus des Großen Fahrzeugs (Mahâyâna), die heute vor allem in Japan lebendig ist. Zen bedeutet "Meditation", "Konzentration" und "Selbstgewahrwerden". In China bildeten sich im 6. Jh. Meditationsschulen heraus, die die Möglichkeit der unmittelbaren Erleuchtung (chin. dun wu wu, jap. satori) propagierten. Der legendäre Gründer des Zen soll der aus Indien stammende Mönch Bodhidharma (gest. vor 534) gewesen sein. Ende des 12. Jhs. weckte diese Richtung des Buddhismus das Interesse japanischer Mönche, die sich zum Studium auf dem asiatischen Festland aufhielten und von dort den Zen-Buddhismus nach Japan brachten. Unter dem Einfluss der aus China eingeführten Kunstwerke etablierte sich die zen-buddhistische Kunst in Japan und erreichte ihre Blüte in der Edo-Zeit (1600-1868). Die Zen-Malerei wandte sich bewusst ab von den überlieferten Bildkonventionen der übrigen buddhistischen Schulen und entwickelte eine spontan ausgeführte Landschafts- und Figurenmalerei, die dem diesseitsbezogenen Charakter der Zen-Lehre entsprach. Durch die Beschränkung der Malmittel auf Tusche und Papier erlangte sie eine Schlichtheit, die nichts mehr gemein hat mit der Farbigkeit und der idealisierenden Pracht traditioneller Kultbildmalerei. In der Wahl des Bildmotivs sowie dessen Ausführung sollen die persönlich geistige und künstlerisch-technische Reife des Zen-Praktizierenden zum Ausdruck kommen. Im Zen-Buddhismus gibt es einige schillernde, exzentrische Gestalten, die auf die eine oder andere Weise gegen die strikten Verhaltens- und Disziplinregeln des Zen-Buddhismus verstoßen. Dieses Übertreten der Vorschriften wird jedoch als Anzeichen der von ihnen bereits erlangten Erleuchtung interpretiert, und sie werden daher im Zen als Vorbilder verehrt. Die kauzigen Gesellen haben alle Anstrengungen ihres diesseitigen Daseins hinter sich gelassen und befinden sich in völligem Einklang mit der Buddhanatur. In den bildlichen Wiedergaben strahlen ihre Gesichter daher vollkommenen inneren Frieden, Heiterkeit und Lebensfreude aus. Zwei der bekanntesten Gestalten sind Kanzan und Jittoku (chin. Hanshan und Shide), die im 7. Jh. n. Chr. auf dem Berg Tiantai in der chinesischen Provinz Zhejiang gelebt haben sollen. Der Legende nach waren sie Inkarnationen der Bodhisattvas Monju (skt. Mañjushri) und Fugen (skt. Samantabhadra). Jittoku arbeitete als Küchengehilfe im Bergkloster Guojingsi. Deshalb wird er immer mit einem Besen dargestellt. Sein Freund Kanzan hält als Einsiedler-Dichter eine Schriftrolle in der Hand. Die beiden Gestalten sind hier stark abstrahiert dargestellt, und das Element der sie umgebenden Landschaft drückt sich lediglich in der Bildaufschrift aus. Unter den tiefstillen Felsen mit wolkigen Bäumen entrollen sie ungezwungen die Sûtra-Rolle / und merken nicht, dass der über dem Berg Wutaishan hängende Mond / auch den Berg Emeishan glänzend bescheint. / Mit einer Aufschrift versehen vom 71jährigen Alten Tangai. Die beiden Berge sind Metaphern für die Bodhisattvas, als deren Inkarnationen Kanzan und Jittoku gelten. Der Berg Wutaishan in der Provinz Sichuan steht für Mañjushrî, den Bodhisattva der Weisheit. Der Berg Emeishan in der Provinz Shanxi ist Sitz des Samantabhadra, des 'ringsum Glück bringenden' Bodhisattva.

J. Altmann