Flucht als Bewegungsablauf

Bild der 32. Woche - 6. bis 13. August 2001

Eadweard Muybridge, Retalhulen, Centralamerica, Der Empfang des Photographen, Albuminpapier, Museum Ludwig - Agfa Foto-Historama, FH 1436
 
 

Berühmt wurde Eadweard Muybridge durch die photographierten Bilderserien 'Animals in Motion' und 'The Human Figure in Motion', weil mit deren Hilfe das Wissen über die Bewegungsabläufe von Tieren und Menschen erweitert und in technischer Hinsicht eine Vorform des Films realisiert werden konnte (s. kleines Bild). Die Erfolgsgeschichte des Photographen begann mit dem reichen Exgouverneur und Pferdeliebhaber Leland Standford, der sich durch eine eigenartige Wette in Beweisnot gebracht hatte: Aus Paris war Stanford und seinem Gegenspieler zu Ohren gekommen, daß sich Pferde in einem bestimmten Moment des Galopp mit allen vier Beinen in der Luft befinden und dies sollte nun mit Hilfe von Photographien nachgewiesen werden. Leland Standford beauftragte Muybridge mit dem entsprechenden Nachweis, wodurch dieser mit seiner weltberühmten Arbeit zur Dokumentation von Bewegungsabläufen begann. Vor diesem Hintergrund geraten die Landschafts- und Panoramenphotographen von Eadweard Muybridge häufig in Vergessenheit. Die vorliegende Photographie wurde 1875 in Mittelamerika angefertigt, wohin sich der Photograph durch ungewöhnliche Umstände zu reisen gezwungen sah. Im Oktober 1874 hatte Muybridge den Liebhaber seiner Frau im Affekt erschossen, mußte mehrere Monate in Untersuchungshaft verbringen, wurde aber dank einer Kaution entlassen. Danach erschien es ihm opportun, eine Auslandsreise nach Mittel- und Süddamerika anzutreten, um das Gerichtsverfahren abzuwarten. Im Auftrag der Pacific Steamship Company sollte er touristische Attraktionen, vor allem aber mit Photographien die wirtschaftlichen Verhältnisse dokumentieren. Die amerikanische Gesellschaft suchte nach Mittelamerika zu expandieren, was durchaus im Einklang mit den Interessen der neuen Regierung Guatemalas unter dem Präsidenten Barrios stand. Muybridge war ein gern gesehener Gast und wurde an einigen Orten mit besonderen Ehren empfangen (s. Detailbild). Militärs und Obrigkeiten marschierten für die Begrüßung des Photographen auf. Allein in Guatemala arbeitete Muybridge sechs Monate lang. Eine Serie von 21 Ansichten aus dieser Zeit gelangte durch H. W. Vogel schon im vorigen Jahrhundert nach Berlin und wurde am 18. Mai 1877 im Verein zur Förderung der Photographie den Mitgliedern vorgestellt. Aus diesem Konvolut stammt die hier vorgestellte Photographie: Retalhulen, Centralamerica, Der Empfang des Photographen.

B. von Dewitz