Ein Kaiser läßt sich beraten

Bild der 32. Woche - 7. bis 15. August 2000

Benvenuto Tisi da Garofalo, Kaiser Augustus und die Sibylle von Tibur, 1538, Ölfarbe auf Pappelholz 65,5 x 41,7 cm; Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 3220(im Augenblick nicht ausgestellt)

Ein Kaiser, seine Krone liegt vor ihm am Boden, ist niedergesunken. Doch vor wem sinkt Kaiser Augustus nieder? Vor wem beugt der mächtigste irdische Herrscher seiner Zeit das Knie? Auf die Antwort weist uns die orientalisierend gewandete Frau hin. Sie nämlich zeigt dem Kaiser eine himmlische Erscheinung: Die Muttergottes mit dem Kind. Neugierig beobachten einige Höflinge, die links im Bilde dargestellt sind, den Kaiser, seine Vision sehen sie nicht. Die Hofschranzen wollten Augustus als Gott verehren. Doch der Kaiser, der ein weiser Mann ist, fühlte sich bei diesem Gedanken nicht wohl. So ließ er die Sibylle von Tibur rufen. Sibyllen sind weise Frauen des Altertums, die - eigentlich ungefragt - Prophezeiungen ausprechen. Die Sibylle von Tibur kam zu Augustus, es war der 24. Dezember des Jahres Null. Sie zeigte zur Mittagsstunde dem Kaiser die himmlische Erscheinung von Maria und dem Jesuskind und erklärte ihm, daß Jesus größer und mächtiger sei als er. Daraufhin fiel der Kaiser auf die Knie und verehrte das Kind. Die Legende wird bei Jacobus de Voragine in der "Legenda Aurea" überliefert. Diese im späten 13. Jhdt. entstandene Legendensammlung ist die meistgelesene Sammlung ihrer Art gewesen und hat immer wieder Künstlern als Inspirationsquelle gedient. All dies soll sich im Schlafgemach des Augustus abgespielt haben. Eine Säule dieses Raumes, bezeichnet mit "cubiculum Augusti" (Schlafgemach des Augustus), befindet sich in Rom in der Basilika Santa Maria Ara Coeli, deren Gründung mit der Vision des Kaisers in Verbindung gebracht wird. Der Maler Benvenuto Tisi da Garofalo, der vor allem für die Herzöge von Ferrara in Ferrara gerabeitet hat, verlegt die Szene in einen Säulengang. Von hier aus schweift der Blick des Betrachters in eine weite Landschaft. Doch wird der Blick schnell auf die Muttergottes mit dem Kind gelenkt, die im rundbogigen Abschluß des Gemäldes dargestellt wurde. So überragt sie deutlicher alles Irdische, als dies bei einem geraden Abschluß der Fall gewesen wäre. Augustus stach, auf Grund der Legende, seit dem Mittelalter aus der Zahl der heidnischen, römischen Kaiser hervor. Auch wenn er kein Christ war (was er auch schlecht werden konnte, da er vor Jesu öffentlichem Auftreten starb), hatte er doch den wahren Gott am Tage seiner Menschwerdung erkannt. Die Szene des Augustus mit der Sibylle wurde deshalb theologisch als Vorverweis auf Jesu Geburt gedeutet. Ähnlich erging es den Sibyllen. Vom Ursprung her, handelt es sich bei ihnen um heidnische Seherinnen. Aber auch sie werden im Mittelalter christlich interpretiert. So wie die Propheten dem jüdischen Volk das Kommen des Messias ankündigten, so prophezeiten die Sibyllen den Heiden die Ankunft des Erlösers.

Th. Blisniewski