Der Mann, der duscht

Bild der 31. Woche - 31. Juli bis 7. August 2000

Auguste Rodin - Das eherne Zeitalter, 1876, Bronze, 165 cm hoch (ohne Sockel); Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM Sk 189
 

Betrachtet man den unbekleideten Jüngling, so fällt auf den ersten Blick seine eigentümliche Pose ins Auge. Die rechte Hand liegt auf dem Kopf während der linke Arm angewinkelt in der Luft verharrt. Die Figur hält die Augen geschlossen und zeigt einen angespannten Körper, dessen geformte Muskelpartien durch Licht- und Schattenreflexe noch weiter betont werden. Aber was stellt nun die Figur eigentlich dar? Handelt es sich tatsächlich um einen Mann unter der Dusche, wie einmal ein Besucher assoziierte? Die Plastik wurde erstmals 1877 in Brüssel und Paris ausgestellt. Damals erregte sie bei der Öffentlichkeit einen großen Skandal. Da sie so naturgetreu wirkte, warf man dem Künstler vor, er habe lediglich einen Abguß von einem lebenden Modell geschaffen. Die Plastik war jedoch die erste lebensgroß modellierte Figur von Auguste Rodin (1840-1917). Für die Arbeiten stand dem Künstler 18 Monate lang ein belgischer Soldat namens Auguste Neyt (kleine Abb.) Modell. Ein später erstelltes Gutachten von anerkannten Bildhauern entlastete Rodin von den schweren Vorwürfen. Denn ein Vergleich zwischen Modell und Plastik offenbarte die herausragende Modellierung der Figur durch den Künstler. Ursprünglich stützte sich der Jüngling auf eine Lanze und trug den Titel "Der Besiegte" bzw. "Verwundeter Soldat". Später wurde die Lanze als überflüssiges Requisit von Rodin entfernt, um die Umrisse der Figur noch weiter hervorzuheben. Nur die Wunde an ihrer linken Schläfe weist noch heute auf den ehemaligen Titel hin. Der Künstler selbst interpretiert seine Arbeit so: "Das Erwachen des toten Stoffes zum seelischen Bewußtsein ist die Idee meines Werkes". Die Plastik bezeichnet damit eher einen Zustand bzw. eine Befindlichkeit und wurde sodann als "Ehernes Zeitalter" oder auch als "Erwachen der Menschheit" bezeichnet. Darauf weist die gesamte Körperhaltung mit flüssiger, ununterbrochener, schraubenförmiger Entwicklung in die Höhe hin. Die linke Körperseite ist dabei eher lastend während die rechte aufstrebt. Von dem "Ehernen Zeitalter" wurden im Auftrag des Künstlers 150 Bronzeabgüsse hergestellt. Ein Exemplar dieses wohl berühmtesten Werks Auguste Rodins ist im Wallraf-Richartz-Museum ausgestellt.

K. Terlau