Straße ohne Bewohner

Bild der 24. Woche - 13. bis 19. Juni 2000

Ausschnitt aus: Arnold Mercator, Die Stadt Köln in Vogelansicht von Nordosten, 1571, Kupferstich, Kölnisches Stadtmuseum, KSM 1984/857
 

Wenn sich das Bild der Woche diesmal mit der Judengasse beschäftigt, so wird es den Leser sicherlich nicht verwundern, dass es diese Straße heute nur noch andeutungsweise gibt. Die nahe liegenden Schlüsse, die man aus diesem Sachverhalt mit Blick auf das 1000jährige Reich ziehen könnte, werden jedoch durch einen Blick auf die Geschichte dieser Straße und die Ereignisse in dieser Straße dahingehend ergänzt, dass das Schicksal der in der Judengasse wohnenden Juden nicht erst im 20. Jahrhundert grausam war. Die Judengasse, die ursprünglich direkt am Kölner Rathaus vorbeiführte, bis dorthin, wo heute die Brautpaare das Standesamt verlassen, bezeichnet das bereits seit der Spätantike existierende Wohnviertel der Juden in Köln. So bezeugt eine Urkunde von 341, dass die jüdische Synagoge mit kaiserlichen Privilegien ausgestattet war. Seit wann dieser Straßenzug Judengasse genannt wurde, ist nicht mehr zu klären. Für 1270 ist der Begriff platea judeorum urkundlich belegt. Nach der Franken- und Ottonenzeit mussten die Juden zu Beginn des 12. Jahrhundert eine erste Verfolgung erdulden, konnten das Gebiet jedoch im Laufe des Jahrhunderts erneut besiedeln. In der Bartholomäusnacht (23. / 24. August) des Jahres 1349 ist die Judengasse wie auch ihre Nachbarstraßen des Judenviertels Schauplatz grausamer, mörderischer Szenen. Einwohner Kölns gehen gegen die dort wohnenden Juden vor, weil diesen die Schuld an Mißernten, Teuerungen, Erdbeben und der seit Wochen wütenden Pest gegeben wird. Es kommt zu einem schrecklichen Massaker an den Juden. Wer nicht entkommen kann, wird ermordet. In der Nacht greift das gelegte Feuer auch auf das Rathaus über. Statt Entsetzen und Scham zu zeigen, sind Rat, Domkapitel und Erzbischof in den folgenden Jahre damit beschäftigt, sich über die Aufteilung des Vermögens der ermordeten oder vertriebenen Juden zu einigen, wobei es vor allem um die Immobilien geht. Man macht schließlich Halbehalbe. Während die Ausraubung des Judenviertel im August 1349 nur 369 Mark erbracht hatte, erzielte man durch den Verkauf der Häuser und Hausplätze des Judenviertels 40.000 Mark. Die Jahre zwischen 1349 und der nächsten Entscheidung des Rates, die in der Judengasse für Angst und Schrecken sorgte, war immer wieder unterbrochen von Schutzzusagen des Rates und des Erzbischofes gegenüber den Juden, von Streitigkeiten zwischen Erzbischof und Rat wegen der Juden und von Gängeleien gegenüber den Juden. So verfügte der Rat z. B. 1404, dass die Juden u.a. einen halblangen Mantel mit Fransen tragen sollten, um an ihrer Kleidung erkennbar zu sein. Im August des Jahres 1423 ist es dann soweit: der Rat beschließt, die Juden aus der Stadt zu jagen. Die meisten Juden lassen sich daraufhin in Deutz nieder, die Judengasse verliert auf Dauer ihre angestammten Bewohner, von denen sie ihren Namen erhielt. Bis zum Jahre 1797 sollte es den Juden verwehrt sein, sich ohne ausdrückliche Genehmigung des Rates selbst für kurze Zeit in der Stadt aufzuhalten. Der Name Judengasse blieb nach der Vertreibung zwar erhalten, das Viertel änderte jedoch seinen Charakter. Man erweiterte in das Viertel hinein den Rathausplatz und 1426, drei Jahre nach der Ausweisung, wurde an der Stelle, an der die jüdische Synagoge gestanden hatte, die Ratskapelle geweiht, der Ort, an dem sich die Ratsmitglieder zum Gottesdienst versammelten und an dem von etwa 1450 bis 1809 der Altar der Stadtpatrone von Stefan Lochner stand (kleines Bild, heute in der Marienkapelle des Domes). Nach dem 2. Weltkriege wurde beim Wiederaufbau des stark zerstörten Bereiches um das Rathaus die Lage des Judenviertels in der Pflasterung des Platzes deutlich gemacht. Auch das jüdische Ritualbad, die Mikwe, wurde wieder zugänglich. Die Judengasse hat heute keine Bewohner mehr, sie besitzt jedoch noch ein Straßenschild, auch wenn ihr Verlauf nur durch eine Absenkung des Pflasters vor dem Rathaus angedeutet wird.

T. Nagel