Der Schuss ins Schwarze

Bild der 21. Woche - 22. bis 29. Mai 2000

Roger Fenton - The Queens Target, aus der Bilderfolge:'The Shooting for the Duke of Cambridge' Prize', Wimbledon 1860, Albuminpapier, Agfa Photo-Historama, WRM/PH/SL801
 

Nur das Zentrum der Zielscheibe mit hellem Fadenkreuz auf dunklem Grund ist auf dieser Photographie zu sehen. In der Mitte erkennt man das Einschußloch. Es handelt sich um die Aufnahme 'Die Zielscheibe der Königin' aus einer Bilderserie vom Königlichen Preisschießen in Wimbledon, die Roger Fenton am 2. Juli 1860 photographiert hat. Ungewöhnlich ist der reduzierte Bildausschnitt und fast abstrakt mutet die karge Darstellung an, die mitunter als Vorgriff auf das Gestaltungsrepertoire der Moderne fehlinterpretiert wird. In Wahrheit handelt es sich aber nicht um irgendwelche Einschußlöcher, sondern um die der Königin von England, auf die der Photograph eine besondere Aufmerksamkeit lenken wollte. Ursprünglich war diese Photographie auch nicht für die Betrachtung als Einzelbild freigegeben worden, sie gehörte in den Zusammenhang eines Albums, welches zu einem heute unbekannten Zeitpunkt zerteilt worden ist. Zufällig blieb in der vom Agfa Photo-Historama verwalteten Sammlung. Robert Lebeck eine zweite Aufnahme (kleines Bild) erhalten, die das Gewehr der Königin zeigt und auf einen besonderen Umstand hinweist: Das Gewehr ist mit größter Präzision aufgestellt und auf das Ziel hin ausgerichtet worden. Königin Victoria selbst notierte in ihrem Tagebuch: "Daraufhin erreichten wir ein kleines Zelt, in dem der Büchsenmacher Mr. Whitworth selbst ein Gewehr eingerichtet hatte. Ich zog sanft an einer Schnur, der Schuß löste sich und erreichte über 300 Yards das Ziel! Leutnant Elcho übergab mir die Medaille." Beim entsprechend vorsichtigen Gebrauch des Schießeisens konnte der Schuß also gar nichts anderes tun, als ins Ziel zu treffen. Die Königin hatte mit allerhöchster Selbstverständlichkeit zu siegen und wurde mit der entsprechenden Medaille belohnt. Bleibt zu fragen, wer der Urheber der vorliegenden Aufnahmen war und als Photograph das Vertrauen der Königin besaß. Roger Fenton (1819 - 1869) hatte sich zuvor bereits große Verdienste erworben, durfte 1853 die königliche Familie im häuslichen Ambiente aufnehmen und wurde 1855 als Hofphotograph mit dem Auftrag zum Kriegsschauplatz auf der Krim geschickt, einen Portraitatlas sämtlicher führenden Militärs herzustellen. Geschickt komplettierte er diesen um die nicht mehr anwesenden Stäbe, indem er diese in London für die fehlenden Portraitaufnahmen vor seine Kamera bat. Bis zu seinem Berufsausstieg 1862 hat Fenton offenbar in besonderer Ergebenheit für seine Auftraggeber gearbeitet und zuverlässig die photographische Hofberichterstattung erledigt.

B. von Dewitz