Zwischen Pracht und Verzweiflung

Bild der 20. Woche - 15. bis 22. Mai 2000

linkes Bild: St. Aposteln, Lithographie nach einer Zeichnung von Johann Peter Weyer und Thomas Cranz, um 1840, Kölnisches Stadtmuseum KSM AI 2/203 (Aachener Straße rot markiert); rechtes Bild: Leprosenmännchen, Sandstein um 1630 Kölnisches Stadtmuseum, HM 1889/38

Es gibt vermutlich kaum einen Kölner, dem die Aachener Straße nicht bekannt ist: diese am Ring beginnende, mehr oder weniger breit ausgebaute, weiter auswärts liegenden Stadtteile einbindende und den Weg zum Müngersdorfer Stadion weisende, bis Jülich über 14 km schnurgerade verlaufende Straße. Vor über 2000 angelegt verband die Straße das römische Köln über Jülich, Tongern und Bavai mit der Kanalküste. Die Römer werden zwar nicht den Stau auf der Aachener Straße erfunden haben, jedoch wurde bereits damals dieser gut ausgebaute Weg als Hauptverbindung in west-östlicher Richtung stark benutzt. Seit dem Bau der mittelalterlichen Stadtmauer um 1180 bis zur Stadterweiterung ab 1881 führte die Aachener Straße direkt aus dem heute am Rudolfplatz liegenden Hahnentor hinaus. So wie diese Torburg in Köln den Anfang der Straße markierte, so lag ihr in Aachen das Kölntor gegenüber. Die beide Städte verbindende Straße war eine Königsstraße. Die in Aachen gekrönten deutschen Könige zogen auf diesem Weg unmittelbar nach ihrer Krönung in voller Pracht nach Köln, um dort den Heiligen Drei Königen zu huldigen. Der neue König verehrte im Kölner Dom diejenigen Könige, die den wahren König der Welt, Christus, bei seiner Geburt verehrt hatten und unterstrich dadurch die göttliche Legitimation seiner Herrschaft. Aber nicht immer war der Gang auf der Aachener Straße mit erhabenen Gefühlen und mit Freude verbunden. Für viele Menschen des Mittelalters war der Weg in umgekehrter Richtung, aus dem Hahnentor hinaus, ein Weg in die Verzweiflung. An der Aachener Straße lag seit etwa 1243 das domus pauperum leprosum, der Wohnort der an Lepra erkrankten. Diese Erkrankung mit Tuberkelbakterien führte medizinisch zu Geschwüren, Knoten und Verstümmlungen und hatte gesellschaftlich die Aussonderung (Aussatz) zur Folge. Die in Köln an Lepra Erkrankten lebten in dem Bereich des heutigen Melatenfriedhofes streng ausgegrenzt vor der Stadt in klösterlich streng organisierter Form. Wer in Köln unter den Verdacht der Lepraerkrankung geriet, musste sich auf den Weg nach Melaten machen, um sich einer Untersuchung durch die Leprosen selbst zu unterziehen. Wurde er als erkrankt diagnostiziert, so war dies - gleich aus welcher sozialen Schicht er stammte - das Ende seiner gesellschaftlichen Rolle. Das sogenannte Leprosenmännchen (Bild rechts), eine in Sandstein gehauene Figur eines bettelnden Leprakranken, zeigt, welche Kleidung Leprakranke als Erkennungsmerkmal neben ihrer Schelle oder Klapper tragen mussten: Joppe, Kniehose, weißer knielanger Mantel, weiße Handschuhe, großer Hut. Nachdem im Laufe des 17. Jahrhunderts die Lepra aus Mitteleuropa verschwand, wurde das Leprosenanwesen in Melaten 1767 aufgelöst. 1810 wurde auf dem Gelände der städtische Friedhof angelegt, nachdem die Friedhöfe der Stadtpfarreien durch die Franzosen geschlossen worden waren. Ein weiterer Personenkreis wird seinen Gang aus dem Hahnentor hinaus auf der Aachener Straße in Verzweiflung und Angst gegangen sein: Neben dem Leprosenanwesen lag eine der Hinrichtungsstätten Kölns. Hier wurden z. B. am 27. 9. 1529 der lutherische Prediger Adolf Klarenbach und sein Freund Peter von Fliesteden verbrannt, hier starb am 19.5.1627 die aus angesehener Familie stammende Katharina Henoth als verurteilte Hexe. Als letzter wurde hier am 13.7.1797 der Kirchenräuber Peter Eick gehängt. Wieder einmal prachtvoll ging es auf der Aachener Straße zu, als am 13.9.1804 Kaiser Napoleon durch das Hahnentor in die Stadt einzog. Zehn Jahre zuvor, am 6.10.1794 hatte die Aachener Straße bereits dem Heer der Franzosen aus Belgien kommend den Weg zur Besetzung Kölns gewiesen. Am 6.12.1918 waren es dann die englischen Truppen, welche die Aachener Straße nutzten, um Köln einzunehmen. Der von den Nationalsozialisten erstellte Generalplan zur architektonischen Krönung Kölns als Gauhauptstadt mit großem Parteiforum in Deutz hätte auch die Aachener Straße als prachtvolle Aufmarschmeile einbezogen. Heute kommt einem der Aufenthalt auf der Aachener Straße manchmal verzweifelnd lang vor.

T. Nagel