Schöne alte Jungfrau

Bild der 22. Woche - 29. Mai bis 5. Juni 2000

Tierkreisrelief der Jungfrau, um 1065/1084, Sandstein, 64 x 42 cm, Schnütgen-Museum, K 138, Leihgaben des Rheinischen Landesmuseum
 

Dieser romanische Reliefstein kam aus der bei Köln gelegenen, ehemaligen Benediktinerabtei Brauweiler (kleines Bild) in das Schnütgen-Museum nach Köln. Er zeigt eine Frauenfigur, die eine stilisierte Lilie in der erhobenen linken Hand trägt. Ihre langen geflochtenen Zöpfe hält sie in der Rechten wie einen Kranz vor dem Körper zusammen. Die Lilie und die langen Zöpfe sind Zeichen für Jungfräulichkeit. Es handelt sich um eine Darstellung des Sternbildes Jungfrau. Die Plastik gehört zu einer Gruppe von zwölf Tierkreiszeichen, die ursprünglich die Außenmauern der Abteikirche schmückten. Die zwölf Plastiken entstanden zwischen 1065 und 1084 im Stil der Frühromanik. Erst 1929 entfernte man sie von ihrem Platz. Sechs der zwölf Sternbilder (Wassermann, Fische, Widder, Stier, Zwilling und Krebs) befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. Diese sechs sind zur Zeit in Köln im Schnütgen-Museum zu Gast und werden dort zusammen mit der Jungfrau gezeigt. Die restlichen fünf Tierkreisreliefs sind leider verschollen. Der Tierkreis hat eine lange Tradition. Er entstand im griechischen Altertum durch die mythologische Interpretation des Sternenhimmels. Die Menschen erkannten die ständige Wiederkehr der Sternbilder am Himmel. So wurden sie zum Taktgeber eines zyklischen Zeitverständnisses, bei dem das menschliche Leben als ständiger Kreislauf gesehen wurde. Entsprechend dem Zyklus der Natur, wo Aussaat und Ernte, Wachsen und Vergehen den Ablauf eines Jahres bestimmen, begleiteten die Sternbilder die Menschen durch die Zeit. Der Tierkreis wurde bald zum Symbol für das Jahr und die einzelnen Jahreszeiten. Doch wie kamen ursprünglich heidnische Bilder an die Mauern einer mittelalterlichen Kirche? Durch den Einfluß hellenistischer Kunst auf das frühe Christentum gelangten Darstellungen des Tierkreises auch in die Formensprache der christlichen Kunst. Die Vorstellung vom Kreislauf der Natur, den die Bilder vermittelten, war für den christlichen Bauern ebenso verständlich wie für den heidnischen oder jüdischen. Die Mönche des Klosters in Brauweiler wendeten sich an die Bauern im Umfeld ihrer Abtei, indem sie die Symbole des Jahreskreislaufes an den Außenmauern ihrer Kirche anbrachten. Ihre Botschaft war aber nicht die Verherrlichung der Natur oder des Kosmos. Sie wollten die christliche Heilsbotschaft an die Landbevölkerung verkündigen. Darum hatten sie über den zwölf Sternzeichenreliefs die Figur des thronenden Christus angebracht. Christus, so erfuhren die Bauern, steht über der Natur. Er wird noch sein, wenn das Ende der irdischen Welt kommt und das Rad der Jahreszeiten sich nicht mehr dreht.

D. Hänel