Der Weg der Blumen

Bild der 46. Woche - 15. bis 22. November 1999

Japanische Rituale, Edo-Zeit, Mitte 17. Jh., Ausschnitt aus einer Querrolle, Tusche, Goldtusche, Goldgesprenkel auf Papier, 34,8 cm hoch, Gesamtlänge 772,3 cm, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Inv.-Nr. A 161
 

Krieger mit Schwertern an der Seite, die neben sich Blumenkörbe stehen haben und einem anderen Mann beim Blumenarrangement zusehen ... sehr eigenartig! An dieser Darstellung auf einer japanischen Querrolle des Museums für Ostasiatische Kunst, Köln, ist jedoch die eigentliche Besonderheit die aktive Teilnahme einer Frau. Im 17. Jh. war der "Blumenweg" (Japanisch: kadô) ausschließlich den Adeligen und Kriegern vorbehalten. Die schwierigen Gestaltungsregeln zur Übung der Konzentration und zur Steigerung der Sensibilität wurden als eine Art Geheimwissen unter Männern weitergegeben. Nachdem mit der Öffnung Japans Mitte des 19. Jh. Ikebana zum Pflichtfach der "Höheren Töchter" geworden war, galt die Ausübung von da an als unmännlich. Der "Blumenweg" ist einer der Wege des Zen-Buddhismus, die dem Menschen helfen sollen, zur Harmonie mit sich selbst und seiner Umgebung zu gelangen. Hierin hat Ikebana viele Parallelen und Berührungspunkte mit der Teekunst (Bild der 42. Woche). So entwickelte es sich aus dem buddhistischen Blumenopfer ab dem 15. Jh. zur meditativen Kunstgattung. Nicht nach einer Anleitung mit Pflanzen zu "basteln" ist das Ziel, sondern sich selbst zu vergessen und darauf zu konzentrieren, das Wesen der Blumen, ihre Leichtigkeit, ihre Schönheit, Zartheit und ihren Charme, zu verstehen und zum Ausdruck zu bringen. Das Bewußtsein, daß der Zauber der lebenden Blumen nur kurz anhält (Japanisch: mono no aware), macht den Augenblick so besonders wertvoll. Die vergängliche Pflanze vermittelt Ruhe, Stille, ein Gefühl für das Wachstum und die Natur. Trotz Regeln ist die Einzigartigkeit des Ikebana durch die Individualität der Pflanzen selbst gewahrt. Man kann kein Blumengesteck exakt kopieren. Jede Blüte sieht anders aus, dreht sich anders, jede Pflanze hat an anderen Stellen Blätter. In der Natur ist nichts im völligen Gleichklang. So bringt die Asymmetrie des unausgewogenen Dreiecks Spannung in das Arrangement und läßt im Gegensatz zur Symmetrie des europäischen Blumenbuketts Freiraum für eigene Vorstellungen. Die Dreieckskonstruktion (das bekannteste: Himmel, Mensch, Erde) wird unendlich oft variiert und drückt damit etwas von der Vielfalt der Welt aus. Ikebana selbst lebt im und mit dem Wandel der Zeit. Seine Entwicklung spiegelt den Wandel der Einstellungen und der Menschen selbst wider: die Formen werden immer freier und vielfältiger, die Regeln aufgelockert. Selbst die Grundlage, die lebendige Blume, wird teilweise ersetzt durch Trockenblumen und der Verarbeitung andere dauerhafter, künstlich hergestellter Materialien. In der Vielfalt der Richtungen können Schüler heute zwischen mehreren tausend Schulen wählen. Ikebana besteht aus den Komponenten: Harmonie und Eleganz, Schlichtheit und Asymmetrie, Vergänglichkeit und Naturnähe. Der Meister der hier gezeigten Querrolle arrangiert in bewußter Harmonie mit der Landschaftsdarstellung des Wandschirms einen Kiefernzweig mit einer Iris in einer hohen Vase in Rikka-Form, der ersten Stilart des Ikebanas. Ebenfalls in der klassischen Rikka-Form (gesteckt?) ist auch die im kleinen Bild gezeigte (moderne?) Komposition. Hier stellt die Iris, diesmal in der Verbindung mit Gras, ein Boot dar. Auf das Wesentliche reduziert scheint es auf der leeren Fläche wie auf einem See zu treiben. Die Kunst liegt im Weglassen.

B. Clever