Ein Gott kommt ins Museum

Bild der 37. Woche - 13. bis 20. September 1999

Standfigur Shô-kannon, 2. Hälfte 11. Jahrhundert, hinoki-Holz, 140 cm hoch, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln Inv.-Nr. B 10,4

Die fast lebensgroße Skulptur eines buddhistischen Heiligen (S: Bodhisattva) formt mit beiden Händen den Gestus der Befriedung (S: vitarkamudrâ). Sie ist daher als der Bodhisattva der Barmherzigkeit Avalokiteshvara zu erkennen. Da sie auf ihrer Krone weder über mehrere Köpfe, noch über mehrere Arme verfügt, ist klar, daß wir hier keine esoterische Gottheit vor uns haben, sondern der Bodhisattva Avalokiteshvara in seiner ursprünglichen Manifestation vor uns tritt. Bild der Woche berichtete aktuell: Religiöse Skulpturen wie dieser Bodhisattva werden in Museen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst aufbewahrt. Selten bekommt der Besucher die Gelegenheit, auch nur ansatzweise die Tempelsituation oder die Riten nachvollziehen zu können, in die sie eingebunden sind. Doch buddhistische Bildwerke werden nie als tote, hölzerne Abbilder betrachtet. Bereits nach der Fertigstellung und während der Aufstellung im Tempel werden ihnen durch eine Weihe die Augen geöffnet. Dadurch sollen sie eins werden mit der dargestellten Gottheit und verlebendigt werden, d.h. die Skulptur ist die Gottheit selbst. Am Samstagabend lauschten hunderte von Besuchern im Foyer des Museums für Ostasiatische Kunst gebannt dem monotonen Singsang buddhistischer Mönche. In lilane Gewänder gekleidet standen sich die Abgesandten des Tôdaiji-Tempels paarweise gegenüber. Nur das Auswerfen der papiernen Lotosblütenblätter unterbrach ihre meditative Konzentration. Währenddessen brannte der Oberste Abt an einem eigens dafür aufgestellten Altar Weihrauch zu Ehren des Bodhisattvas ab. Zarter Duft erfüllte den Raum. Ein Gongschlag riß alle aus ihrer Versenkung und leitete zur Sûtrenlesung über. Klackend rieben die Mönche die Gebetsketten aneinander. Eine letzte Verneigung vor dem Shôkannon, mit der die Fürbitten für die Ausstellung und alle Lebewesen der Gottheit überbracht wurden, beendete die Augenöffnungs-Zeremonie. Der Shôkannon des Museums für Ostasiatische Kunst ist nun wieder verlebendigt. Bericht von den Eröffnungsfeierlichkeiten zur Sonderausstellung "Im Licht des Großen Buddha - Schätze des Tôdaiji-Tempels, Nara. Vom 11. Sept. bis 10. Nov. 1999 im Museum für Ostasiatische Kunst.

P. Rösch