Vom Grab zum heiligen Zeichen
Recycling im 12. Jahrhundert

Bild der 36. Woche - 6.bis September 13. 1999

Tympanon von St. Cäcilien, Köln, um 1160, Kalkstein und Glasfluß, B: 230cm, H: 122cm, Schnütgen-Museum, Köln, Inv.-Nr. K 275

Das älteste romanische Türbogenfeld, das sich in Köln erhalten hat, zeigt ein Relief mit der heiligen Cäcilia. Ursprünglich befand es sich am Nordportal der ehemaligen Klosterkirche von St. Cäcilien, dem Haupteingang für die Gläubigen. Es besteht aus mehreren Blöcken, für welche die Bildhauer ein römisches Grabmonument wiederverwandt haben. Dies belegt die Grabinschrift auf der Rückseite. Die römischen Steine waren auf der "neuen" Vorderseite ehemals ausgebessert und bemalt, so daß die heute so auffälligen Steinkanten und Fehlstellen nicht sichtbar waren. Der Legende nach war Cäcilia eine junge römische Patrizierin, die ihre Jungfräulichkeit Gott weihte und am Tag ihrer Vermählung ihren Bräutigam Valerianus zur Keuschheit und zum Christentum bekehrte. Zusammen mit ihrem ebenfalls christlichen Schwager Tiburtius vollbrachten sie eine Vielzahl guter Taten und Bekehrungen. Für ihren Glauben erlitten sie das Martyrium. über der Darstellung dieser drei Heiligen – Valerianus links, Cäcilia in der Mitte, Tiburtius rechts – schwebt auf dem Bogenfeld ein Engel. Ursprünglich hielt er einen Kranz in der Hand, mit dem er Cäcilia zeichenhaft für den himmlischen Lohn krönte. Das jungfräuliche Leben der heiligen Cäcilia ist auch Thema der lateinischen Inschrift, die um das Bogenfeld herum läuft: Ihr, die ihr diesen Preis der Jungfräulichkeit seht, euch erwartet für die gleiche Tugend der entsprechende Lohn. Damit wird der Betrachter direkt angesprochen, und der Text entspricht dem Bild, das er umrahmt. Cäcilia hatte ihre rechte Hand ehemals grüßend erhoben. Sie fordert die Gläubigen auf, ihrem Vorbild nachzueifern, um gleichfalls ins Paradies zu gelangen. Stellvertretend für die Gläubigen wenden sich die Assistenzfiguren der heiligen Kirchenpatronin in einer Haltung der Verehrung zu. Valerianus links blickt konzentriert zu ihrem Gesicht, der Engel lächelt freundlich zu ihr herab. Der bärtige Tiburtius hat den Kopf dagegen nach vorne geneigt, seine Augen wenden sich zu dem unten eintretenden Kirchgänger, während er mit der Rechten auf Cäcilia zeigt. Typisch für die romanische Kunst ist die Verwendung von Körperhaltung, Gesten und Blicken, um den Zusammenhang der Figuren untereinander und zum Betrachter zu verdeutlichen. Der Anbringungsort der Darstellung am Haupteingang und die Ansprache durch Inschrift und Figuren sind untrennbar miteinander verknüpft. Erst durch das Eintreten in das Kircheninnere ist der Gläubige auf dem Weg, die göttliche Gnade zu erlangen.

S. Tofahrn