Wer ist dieser Mann?

Bild der 35. Woche - 30. August bis 6. September 1999

Der Priester Shunjôbo Chôgen, Japan, Kamakura-Zeit, Anfang 13. Jh., Holz, farbig gefaßt, 82 cm hoch, Nationalschatz
Der Priester Shunjôbo Chôgen, Japan, Kamakura-Zeit, Anfang 13. Jh., Holz, farbig gefaßt, 82 cm hoch, Nationalschatz

Shunjôbo Chôgen vom Tempel Daigoji, der im 12. Jahrhundert eine der größten Spendensammelaktionen der japanischen Geschichte leitete. Es ging um nichts geringeres als den Wiederaufbau der Tempelanlage Tôdaiji (Bild der 26. Woche) nach der ersten Zerstörung im Krieg 1180. Priester Chôgen gab "Bild der Woche" im Jahr 1205 ein fiktives Exklusivinterview: BdW: Ehrwürdiger Priester Chôgen, Sie sind, nachdem in einer einzigen Nacht das religiöse und kulturelle Erbe des 8. Jh. zerstört worden war, vom Kaiserhof mit der Organisation der Bauarbeiten und der Spendensammlung beauftragt worden. Wie kam es, daß ausgerechnet Ihnen, einem politisch relativ Unbekanntem, dieses Projekt anvertraut wurde? Chôgen: Nun, ich war damals bereits 61 Jahre alt und hatte Erfahrung im Tempelaufbau. Zudem hatte ich drei Pilgerreisen nach China unternommen. Diese Reisen, die ich ursprünglich aus Glaubensgründen unternommen hatte, haben sich als sehr nützlich erwiesen. So nahm ich chinesische Bildhauer in Anspruch, als die einheimischen Gießer die Schwierigkeiten der Reparatur des Großen Buddha nicht meistern konnten. Ich lernte in China auch den unter den Song-Kaisern (960-1279) üblichen Bau- und Skulpturenstil kennen. BdW: Aha, das erklärt den chinesischen Stil der Halle des Großen Buddha und des Südtors, die unter Ihrer Leitung aufgebaut wurden. Chôgen: Da der Tôdaiji zum Ruhme des Kaiserhauses den Glanz des chinesisch geprägten 8. Jahrhunderts wiederaufleben lassen sollte, fand dieser kontinentale Baustil die Zustimmung des Kaisers. BdW: Wie haben wir uns diese Spendensammlungsaktion konkret vorzustellen? Wie gingen Sie vor, ehrwürdiger Priester? Chôgen: Für gewöhnlich saß ich auf einem Wagen und schlug den Gong. Ich sammele nicht nur bei Fürsten und Reichen, obwohl sie meine Hauptansprechpartner sind, sondern auch bei der Bevölkerung. Ganz getreu dem Motto des Tôdaiji-Gründers, Kaiser Shômu, soll jeder etwas dazu beitragen, und sei es nur "ein Grashall oder eine Handvoll Erde". BdW: Also, "Kleinvieh macht auch Mist!" Chôgen: Nicht ganz. Wie bereits im 8. Jahrhundert soll dieses Projekt schließlich von der gesamten Bevölkerung getragen werden. BdW: Ehrwürdiger Priester, Ihr großes Sammel- und Organisationstalent befähigt Sie zweifellos für Ihr Amt. Trotzdem, wie haben Sie diese ungeheuren Mittel sammeln können, die für den Wiederaufbau z. B. der Halle des Großen Buddha (Bild der 31. Woche) erforderlichen waren. Wie ich verstanden habe, mußten allein ca. einhundert 27 m hohe Baumstämme für die Pfeiler der Halle herbeigeschafft werden! Chôgen: Es ist nicht immer leicht gewesen. Es hat auch für mich Zeiten gegeben, in denen ich an meiner Mission gezweifelt habe. 1189 gab es eine Krise in der Provinz, die uns das Bauholz liefern sollte. Ich fühlte mich nicht ausreichend unterstützt und reichte dem Kaiserhof meinen Rücktritt ein. Stattdessen wurde ich zum "Großen Beauftragten" befördert. Das war natürlich ein unverkennbares Signal, daß der Kaiser hinter mir stand. Selbst der Shôgun schrieb mir persönliche Briefe und unterstützt den Aufbau. Zusätzlich gründete ich in den Provinzen andere kleinere Tempel, die nun den Wiederaufbau des Tôdaiji unterstützen. Hauptsächlich natürlich, indem sie Sûtrentexte rezitieren, aber der Erlös ihrer Landgüter kommt auch dem leiblichen Wohlbefinden der für Tôdaiji arbeitenden Holzfäller zugute, z. B. in Form eines Dampfbades. Meine Glaubensbrüder helfen mir. Allerdings ruht die Hauptverantwortung auf mir. BdW: Ehrwürdiger Priester, auch wenn der Große Buddha und seine Halle wiedereingeweiht worden sind, so ist Ihre Lebensaufgabe noch nicht abgeschlossen. Wie geht es weiter? Sammeln Sie heute noch? Chôgen. Ich bin mittlerweise fast 86 Jahre alt. Natürlich ziehe ich selbst nicht mehr im Wagen durch die Lande. Aber ich schreibe immer noch Briefe mit der Bitte um Zuwendungen. Es gibt noch so viel zu tun. Wie Sie richtig bemerkt haben, besteht Tôdaiji ja nicht nur aus den Hauptgebäuden. BdW: Sie haben bereits mehr als die letzten zwanzig Jahre Ihres Lebens dem Wiederaufbau Tôdaiji gewidmet. Welches Motiv befähigt Sie zu dieser Leistung? Chôgen: Womöglich gibt mir mein Glaube an die Wiedergeburt im Paradies des Buddha Amitâbha diese Kraft. Ich hoffe, dort sehr bald wiedergeboren zu werden. BdW: Noch eine letzte Frage zum Schluß, Ehrwürdiger Priester. Werden Sie, da sich Ihr Leben nun zu Ende neigt, ein Porträt in Auftrag geben? Und wenn, bei wem? Chôgen: Tatsächlich habe ich vor, eine Statue anfertigen zu lassen. Ich habe mich nur noch nicht entschieden bei wem: bei Kaikei, dessen sanfte Schnitzkunst ich sehr schätze, oder bei Unkei, der ebenso genial ist. BdW: Ehrwürdiger, Großer Beauftragter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Epilog: Shunjôbo Chôgen starb 1206 im Alter von 86 Jahren in der Jôdo-Halle des Tôdaiji. Seine Statue, die kurz vor seinem Tod geschaffen wurde, traf in der vergangenen Woche in Köln ein. Sie wird vom 11.09 bis 10.11.1999 in der Ausstellung "Im Licht des Großen Buddha" zusammen mit seinem Gong, seiner Armstütze, einem seiner Briefe und noch über 100 weiteren Kultgegenständen aus dem Tôdaiji zu sehen sein.

B. CleverP. Rösch