Ein sensationeller Fund

Bild der 44. Woche - 1. bis 8. November 1999

Kôen , Der Bodhisattva Ksitigarbha, 1249, Japanische Zypresse, 76,6 cm, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Inv.-Nr. 11,37

Im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst findet sich ein eindrucksvolles Beispiel eines buddhistischen Kultbildes. Adolf Fischer, der Gründer des Hauses, kaufte bei einem Kunsthändler in der japanischen Stadt Nara im Jahr 1911 die aus Zedernholz geschnitzte Skulptur des Bodhisattva Jizô. Dieser wird häufig als Fürst der Unterwelt und Herr der zehn Höllenkönige dargestellt, da er als einziger Bodhisattva die Macht besitzt, Verstorbene aus den Qualen der Hölle zu befreien. Gleichzeitig erfreut er sich aber auch großer Popularität in Japan, da er Kinder beschützt, Frauen zu Kindersegen verhilft und Schutzgott für Reisende ist, weshalb häufig an Wegen und Straßen Standbilder aus Stein mit seiner Darstellung aufgestellt sind. Die Kölner Skulptur in Gestalt eines Wandermönches mit glattrasiertem Kopf hält in der rechten Hand einen mit Metallringen versehenen Rasselstab, in der linken Hand trägt sie ein tropfenförmiges Wunschjuwel. Adolf Fischer selbst datierte das Werk in die Zeit zwischen 729 und 877, eine Einschätzung aus den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts ging von einer Entstehung im 12. Jahrhundert aus, wobei eine genaue zeitliche Einordnung aufgrund stilistischer Ungereimtheiten problematisch schien. Dies sollte sich im Jahre 1983 mit dem Beginn der Restaurierungsarbeiten an dieser Skulptur durch eine sensationellen Entdeckung ändern. Buddhistische Tempel beherbergen eine Vielzahl von Kultbildern. Je nach Gestalt sind diese Skulpturen Symbolträger für Buddhas, Bodhisattvas, Mönche oder andere Gestalten des buddhistischen Pantheons, mit denen Mönche und andere Gläubige während eines Ritus oder der Meditation in Kommunikation treten. Die buddhistische Lehre spricht jedoch diesen Kultbildern eine eigene Realität ab, so daß sie zunächst als "Schattenbild" (jap. yôzô) bezeichnet werden. Um eine göttliche Essenz aufnehmen zu können, muß eine Skulptur geweiht werden. Dies kann zum einen durch die sogenannte Augenöffnung geschehen, bei der ein Mönch nach Fertigstellung der Figur ihre Augen "öffnet", indem er die Pupillen in die Augen malt. Eine Skulptur erhält aber auch dadurch eine "Seele" und kann als Behältnis des Wesens einer bestimmten Gottheit dienen, indem während einer Weihehandlung geweihte Substanzen und Gegenstände in ihrem Innern deponiert werden. Die im Jahr 1983 durchgeführten Restaurierungsarbeiten brachten schließlich überraschende Erkenntnisse über die Entstehungszeit und den Bildhauermeister der Figur zutage. Nachdem man zunächst den Kopf der Figur abgenommen hatte, stellte man fest, daß sowohl ihr Körper als auch der Kopf mit Weihegaben angefüllt war. Neben einer chinesisch gedruckten Ausgabe des Lotos-Sûtra entdeckte man handgeschriebene Sûtrentexte, Tausende von Votivdrucken mit Darstellungen des Jizô und des Amida Buddha sowie ein bis heute ungeöffnetes Reliquiensäckchen aus Seide und ein buntbemaltes Jizô-Figürchen aus Holz. Auch der Kopf der Skulptur war gefüllt mit Votivdrucken, die um zwei kleine feuervergoldete Bronzefiguren von stehenden Buddhas gelegt waren. Sensationell war der Fund eines Stiftungstextes, dessen Signatur am Ende die Skulptur als das bisher früheste datierte Werk des berühmten japanischen Bildhauers Kôen auswies. Demnach hatte er die Figur 1249 im Alter von 42 Jahren als Kopie eines älteren Werkes im Auftrag eines Priesters namens Seishin und mit der Untertstützung zahlreicher Spender für den Tempel Jizô-in im Südosten Kyôtos angefertigt. Die Restaurierungsarbeiten belegten also, daß die Skulptur ihre Weihe und kultische Wirksamkeit durch im Innern deponierte Weihegaben erhalten hatte und lösten darüber hinaus das Rätsel um die Entstehungszeit der Figur.

A. Ziegenbein