Leben und Sterben am Ganges

Bild der 34. Woche - 23. bis 30. August 1999

Erwin Fieger - Leben und Sterben am Ganges, Benares 1981, 27,8 x 18,8 cm, Museum Ludwig, Köln, C-print

Der Betrachter sucht vergeblich den Blickkontakt zu dem Porträtierten, da er seinen Blick gleichsam nach innen gerichtet hat. Es ist ein heiliger Mann, ein Sadhu, der sein Leben der hinduistischen Hauptgottheit Vishnu geweiht hat. Die angestrebte Verschmelzung mit dem göttlichen Ideal kommt im meditativ entrückten Blick und im Körperschmuck zum Ausdruck. Körper und Gesicht sind mit der weißen Erde von den Ufern des Ganges beschmiert und das Haar mit einem roten Tuch zu einem Knoten auf dem Kopf gebunden - Symbole der Askese. Als Zeichen seiner Verehrung trägt der Gläubige das rituelle Stirnmal, das sogenannte tilaka. Es ist ein u-förmiges Emblem mit einem Mittelstrich, das in Form und Farbe auf Vishnu verweist. Der theologischen Überlieferung zufolge durchmaß Vishnu mit drei Schritten, vom Zwerg zum Riesen wachsend, das Universum. Diese drei Schritte sind Sinnbild für Sonnenaufgang, Zenit und Untergang und werden als Besitzergreifung des Kosmos interpretiert. Die Farben Rot und Gelb - basierend auf Rotsandelholz und Gelbwurz - gehen auf Vishnus Assoziation mit der Sonne zurück. Die Betrachtung dieser Farbphotographie kommt einer optischen Entdeckungsreise gleich, die über die schillernde Farbigkeit zur religiösen Innerlichkeit führt. Der Photograph Erwin Fieger (*1928) versteht es, seine Ergriffenheit vom religiösen Leben am Ufer des heiligen Ganges photographisch umzusetzen. Er arbeitet mit den Gegensätzen Schärfe - Unschärfe. Die Unschärfe des Hintergrundes verleiht dem konturscharfen Portrait eine magisch aufgeladene Aura. Unendlichkeit und Endlichkeit treffen aufeinander und stehen symbolhaft für den ewigen Zyklus von Leben und Tod, der prägend für die hinduistische Vorstellungswelt ist. Es war im Jahre 1979, als Fieger den grandiosen Plan faßte, das Leben am Fluß von seinem Ursprung im Himalaja bis zu seiner Mündung im Golf von Bengalen in Photos festzuhalten. Fieger unternahm ausgedehnte Reisen als freier Photograph nach Indien und seine herausragende Farbreportage über "Das Leben und Sterben am Ganges" ist ein Monument der Farbphotographie.

K. Katthöfer