Frohe Ostern aus dem Schnütgen

Bild der 14. Woche - 5. April bis 11. April 2021

Wechselgesang zum Osterfest aus dem Antiphonar der Anna Hachenberch Köln, Augustiner Fraterherren St. Michael am Weidenbach, um 1520–1530 Bd. 1, fol. 163v und fol. 164r/Rheinisches Bildarchiv.

Mit der Osterruhe war das ja von Anfang an so eine Sache. Wie war das noch mal? Es wird gelitten, gestorben und begraben. Damit verbunden sind die stillen Tag: Karfreitag und Karsamstag, an dem der Ruhe Christi im Grab gedacht wird. Ostersonntag und Ostermontag dagegen sind alles andere als ruhig, es sind die freudigen Tag, an den die Auferstehung gefeiert wird.

Wie das genau vor sich ging, mit dieser Auferstehung, das hat sich die christliche Kunst des Mittelalters immer wieder ganz bildlich vorgestellt. Auch in dieser prächtigen Buchmalerei, die sich in einer liturgischen Handschrift aus dem 16. Jahrhundert findet, die heute im Museum Schnütgen verwahrt wird.

Ausgeschmückt wird hier eine Initiale. Aus violetten, weißen Ästen, Ranken und Blättert baut sich auf Goldgrund ein imposanter Buchstabenkörper auf. Er ist bewohnt von einer szenischen Darstellung. Der Betrachter wird zum Zeugen, wie Christus siegreich den Tod überwindet und just in diesem Moment aus dem Sarkophag steigt. Als Zeichen seines Sieges trägt er in seiner linken Hand einen Kreuzstarb mit Kreuzfahne, während er seine rechte Hand zum Segens Gestus erhoben hat. Schaut man genauer hin, ist sein Körper aber noch von den vorgehenden Leiden gezeichnet. Beide Hände weisen Wunden auf, die die Nägel verursacht haben mit den er ans Kreuz geschlagen wurde. Diese Wunden nennt man Stigmata. Unterhalb seiner rechten Brust, zeichnet sich der dünne rote Strich der Seitenwunde ab, die ihm der römische Soldat Longinus zugefügt haben soll. Die Wunden und das Blut, führen vor Augen, dass Gottes Sohn Mensch geworden ist. Und trotzdem geschieht das Wunder: am dritten Tage steht er von den Toten auf. Ein Ereignis, das bis heute auf der ganzen Welt gefeiert wird und in der Kunst unzählige Male ins Bild gesetzt wurde, von dem aber niemand unmittelbarer Zeuge war. In der Bibel verweist zunächst nur das leere Grab auf das Wunder der Auferstehung. Die drei Frauen im Bildhintergrund, die aus der Stadt Richtung Grab laufen, werden es später leer vorfinden. Die Evangelien berichten, dass der Auferstanden sich ausgewählten Menschen zeigt. Aber im Bild gibt es keine Zeugen: die Wachen am Grabe schlafen. Einzig ein kleiner Engel, der auf der halb zur Seite geschobenen Deckplatte sitzt, beobachtet das Geschehen. Und jetzt auch: die Leser dieser Handschrift.

Dieser Versuch intimer Zeugenschaft durch Illustration stammt aus dem um 1520/30 entstandenen Antiphonar der Anna Hachenberch und ziert das erste Blatt zum Osterfest. Ein Antiphonar ist ein liturgisches Buch. Es enthält Noten und Texte der Wechselgesänge eines Jahres und hat oft ganz beträchtliche Ausmaße, damit mehre Vorsänger im Chor gleichzeitig alles gut lesen konnten.

Wer diese Anna Hachenberch gewesen ist, die sich in einem kleinen eingeklebten Pergamentstreifen selbst als Schreiberin zu erkennen gibt, wissen wir heute nicht mehr. Wir wissen aber, dass dieses Buch ursprünglich für die Klosterkirche St. Cäcilien angefertigt wurde – also genau für jene Kirche, die heute das Museum Schnütgen beheimatet. Diesen und weitere Schätze Kölner Klosterkultur können Sie in der kommenden Ausstellung »Von Frauenhand: Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen«, die Sie vom 26.10.2021 bis 30.01.2022 läuft, im Museum Schnütgen bewundern.

C. Clever-Kümper