"Mein Rasierspiegel fehlt! - Beuys Rasierspiegel in Matarés Tür

Bild der 44. Woche - 4. November bis 10. November 2019

Ewald Mataré, linke Tür: Bischofstür; rechte Tür: Papsttür, 1948. Dom-Portal Süd, Bronze (gegossen), © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 (Foto: RBA).

Vor dreißig Jahren betitelte der Spiegel seinen Leitartikel über Josef Beuys "Der größte Weltruhm für einen Scharlatan?" - Grund genug sich einmal anzuschauen, wie der einflussreiche Aktionskünstler in Köln gewirkt hat.

1948, Köln nach dem Zweiten Weltkrieg: überall Schutt, überall Wiederaufbau. Auch am Dom wird gebaut. Im Gegensatz zur sonst fast völlig zerstörten Stadt sind dort Grundmauern und Fassade weitgehend unzerstört geblieben. Zum 15. August soll ein Fest zur 700jährigen Grundsteinlegung des Doms stattfinden. Dafür wird die feierliche Prozession durch die mittleren Türen des Südquerhausportals in die Kathedrale einziehen. Ewald Mataré, der Künstler und Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie und sein Schüler Joseph Beuys restaurieren die beiden Domtüren, deren Einzelteile zur Bearbeitung aufgebahrt sind. Beuys arbeitet an der sogenannten „Bischofstüre“, die neben der Darstellung von sieben Kölner Schutzheiligen Wappen und Wahlspruch des damaligen Kölner Bischofs, Kardinal Frings, enthält. Er bestückt das Bischofs- Wappen mit Mosaiksteinchen, die er aus einer zerstörten Villa in Meerbusch bei Düsseldorf besorgt hat. Linker Hand auf dem Wappen befindet sich ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund. In die Mitte des Kreuzes setzt Beuys ein kleines Stückchen Spiegel ein.

Szenenwechsel: 1980, mehr als 30 Jahre später. Zum 100jährigen Jubiläum der Domvollendung nimmt der inzwischen weltbekannte Beuys noch einmal Bezug auf die Domtüren von 1948. Neben ebenso namhaften Künstler-Kollegen wie Warhol und Christo wirkt er im Kölner Museum Ludwig mit an der Ausstellung „Mein Kölner Dom. Zeitgenössische Künstler sehen den Kölner Dom“. Dafür erschafft er die vierteilige, großformatige Fotoarbeit „Ohne Titel (Mein Kölner Dom)“ mit auf Fotoleinen aufgezogenen Reproduktionen der vier Domtüren. Drei der drei Meter großen und 1,24m breiten Fotografien sind künstlerisch nachbearbeitet, auf einer davon weist Beuys mit großen Lettern darauf hin, dass sein 1948 eingefügter Spiegel beim Ablichten der Türen nicht mehr vorhanden gewesen sei.

Innerhalb der langen Domgeschichte stellt Beuys’ verschwundener Rasierspiegel ein besonderes Kunstobjekt dar. Der zeitgenössische Spiegel in der alten Türe spannt einen Bogen zwischen der Gotik des 13. Jahrhunderts (Grundsteinlegung), der Neugotik des 19. Jahrhunderts (Vollendung) und dem zur Kunst erhobenen Alltagsgegenstand (=Readymade) der Moderne.

Die Ehe zwischen den Kunstformen hält allerdings nicht lange. Bedingt durch technische Mängel fiel das Beuyssche Element am Dom wohl schon bald nach dem Einfügen heraus. Das wurde dem Künstler aber offensichtlich erst 30 Jahre später klar, anlässlich seiner zweiten Begegnung mit den Domtüren. Zu seinem Entsetzen war da der symbolträchtige Rasierspiegel aber schon längst durch einen einfachen schwarzen Stein ersetzt worden.

M. Dornberger