Das Mittelalter vor der Linse

Bild der 45. Woche - 11. November bis 17. November 2019

Kruzifixus aus Sankt Georg in Köln, Köln, letztes Drittel 11. Jahrhundert, Museum Schnütgen, fotografiert von Alfred Tritschler 1948 © Dr. Paul Wolff & Tritschler, Historisches Bildarchiv, Offenburg.

„Und es kam eine Finsternis über das ganze Land…“ Ob der Fotograf Alfred Tritschler an diesen Satz aus den Evangelien dachte, mit dem die unheilverkündende Sonnenfinsternis während der Kreuzigung Christi beschrieben wird, als er den Kruzifixus aus St. Georg in der Sammlung Schnütgen ablichtete? Der Halbschatten, der sich hier über das Haupt Christi gelegt hat, scheint erstaunlicherweise in Bewegung zu sein. Er vertieft zwar die sichtbaren Furchen im Gesicht des Leidenden auf dramatische Art, doch verspricht der blendend weiße Hintergrund bereits die erlösende Ruhe. Aus dem Halbdunkel des Archivs des Museum Schnütgen traten zusammen mit diesem Abzug Vintageprints von Skulpturen der Sammlung zutage, die die Objekte in eine intime und zugleich geheimnisvolle Aura gehüllt zeigen.

Die etwa 100 Kunstwerke des Museum Schnütgen, die der Frankfurter Alfred Tritschler 1948 fotografierte, befanden sich zu dieser Zeit noch kriegsbedingt in einem Depot im Schloss Alfter bei Bonn. Dort begab sich der Fotograf mit seiner Leica-Kamera auf Augenhöhe mit anmutigen Madonnen, verschmitzt lächelnden Engeln und dem schmerzgebeugten Gekreuzigten. Der Mitbegründer des in den 1930er Jahren äußerst renommierten Bildarchivs „Dr. Paul Wolff & Tritschler“ reproduzierte die Objekte nicht nur im Medium der Fotografie, sondern hauchte ihnen durch zum Greifen nah gewählte Bildausschnitte oder dramatische Hell-Dunkel-Kontraste bewegende Lebendigkeit ein. In der vom 9. November 2019 bis zum 16. Februar 2020 zu sehenden Ausstellung „Skulptur im Blick der Kamera. Alfred Tritschlers Fotografien der Sammlung Schnütgen“ wird erstmals eine Auswahl der Abzüge mit den mittelalterlichen Originalen konfrontiert.

Der Kruzifixus aus der ehemaligen Stiftskirche St. Georg ist zweifelsohne eines der Highlights der Sammlung des Museum Schnütgen. Wenn auch durch Beschädigungen und Verluste nur noch als Torso erhalten, zählt die ins letzte Drittel des 11. Jahrhunderts datierte Skulptur zu den eindrucksvollsten mittelalterlichen Bildwerken Kölns. Insbesondere die Physiognomie des kantigen Gesichtes, das gerahmt wird von streng gescheiteltem, schulterlangem Haar, wirkt durch die erschlaffenden Mundwinkel und die – wie erleichtert – sanft geschlossenen Lider ergreifend menschlich und anmutig zugleich.

Alfred Tritschler fängt durch das kontrastreiche Licht- und Schattenspiel ebendiese Ambivalenz zwischen Anmut und Leid, Leben und Tod, Menschlichkeit und Göttlichkeit ein. Dem Kruzifixus, der im Museum – seiner ursprünglichen Positionierung in der Nähe des Kreuzaltars von St. Georg entsprechend – erhöht angebracht ist, nähert er sich aus einer ungewöhnlich nahsichtigen, geradezu persönlichen Perspektive. Dieser unmittelbare, lebendige Blick charakterisiert die Bandbreite der Fotokunst Tritschlers, die neben den Studien zur Sammlung Schnütgen Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahre der Weimarer Republik über das Dritte Reich bis hin zum Zweiten Weltkrieg für die Nachwelt festhielt.

V. Berens