Das Holz, aus dem Götter geschnitzt sind

Bild der 31. Woche - 5. August bis 11. August 2019

Nukuoro-Figur "tino aitu", Nukuoro (Karolinen-Archipel), vor 1830. Holz des Brotfruchtbaumes, H: 51 cm. Rautenstrauch-Joest-Museum, Inv.-Nr. RJM 34029 (Foto: RBA)

Alles beginnt mit einem Holzscheit. Schlicht, trocken und einen halben Meter lang. Ein paar Schnitte mit einer Muschelklinge, ein paar geübte Handgriffe und aus einem Holzscheit wird das Abbild eines Gottes.

„tino aitu“ – „göttliches Bild“: So lautet der einheimische Name jener kleinen, unscheinbaren Holzfiguren, die das Nukuor-Archipel weltweit ins Bild der Öffentlichkeit rückten. Nukuoro, mit einer Landfläche, die einem Sechszehntel der Kölner Innenstadt entspricht, beheimatet knapp 350 Menschen und ist mehr als 2.000 Kilometer vom nächsten Festland entfernt. Trotz dieser Abgeschiedenheit findet sich hier der Ursprung einer spirituellen, künstlerischen Tradition, die seit langem Forschung und Wissenschaft beschäftigt und Kunstschaffende aller Kulturen inspiriert.

Es ist der erste Tag der Ernte des Jahres 1874, ein warmer Tag mit sanfter Brise. Die Einwohner des Atolls, blicken mit Zuversicht auf die vor ihnen liegende Saison denn, im Tempel Nukuors wachen die hölzernen Tino Aito über die Inseln. In Opferritualen der letzten Wochen, erbaten die Noukori den Segen der Götter und hofften auf eine reiche Kokosnuss-, Brotfrucht- und Taroernte. Der Wert, der den Figuren durch die Einwohner der Inseln beigemessen wurde lässt sich bereits in ihrem Material erahnen. Auf einem kleinen Atoll ist Holz ein äußerst wertvoller, weil nur in geringen Mengen vorhandener Rohstoff.

Mit der Ankunft westlicher Missionare im Jahre 1874, beginnt das Ende der Verehrung der Tino Aitu. Die erzwungene Christianisierung der Einheimischen, verbietet die Anbetung der, nun als heidnische Götzen geltende, Schnitzfiguren. Darüber hinaus wurden die Tino Aitu der westlichen Öffentlichkeit offenbart. Es folgte, was folgen musste. Etliche der Figuren wurden geraubt und fanden so ihren Weg in private Sammlungen, Kunst- und ethnologische Museen, in denen sie nun als vermeintlich „primitive“ Überreste einer „exotischen“ Kultur ein westliches Publikum unterhalten sollten.

Der Raub der Figuren sollte jedoch nicht die einzige Folge des angeblichen Fortschritts für das Atoll bleiben. Der Klimawandel und die damit verbundene Erderwärmung lässt die Kappen der Pole schmelzen. Das daraus resultierende Steigen des Meeresspiegels bedroht, Inselgruppen, Atolle und Archipele nicht nur im südwestlichen Pazifik, sondern überall auf der Welt. Der 8. August ist der "Tag der indigenen Völker" - Grund genug, an die Menschen des Nukuoro-Atolls und ihre Geschichte zu erinnern.

L. Flöttmann