Glamour für alle

Bild der 10. Woche - 5. März bis 11. März 2018

Werner Mantz: Kino "Modernes Theater" in der Breite Straße: Ansicht des Zuschauerraums, 1927. Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Inv.-Nr. ML/F 1979/1235 (Foto: RBA)

"And the winner is ..."

Wieder einmal blickte in der Nacht von Sonntag auf Montag die Filmwelt auf das Dolby Theatre in Los Angeles, wieder einmal versetzte dieser Satz die Zuschauer in Hochspannung, wieder einmal war der Zuschlag der Oscars ein Ritterschlag und wird für Ruhm sorgen, auf jeden Fall für Reichtum. Zum 90. Mal wurden die Preise verliehen. In den Kategorien Film, Regie, Hauptdarstellerin und Hauptdarsteller, Nebenrolle, Musik, visuelle Effekte, nicht englischsprachiger Film, Musik, Filmsong, Dokumentarfilm, Realkurzfilm, Dokumentarkurzfilm, Animationsfilm, Animationskurzfilm, Kamera, Schnitt, Tonschnitt, Tonmischung, Produktionsdesign, Kostüm und Maske. 

Gegen die Krise

Wieder einmal hatte es den Anschein, als sei das Filmgeschäft ungetrübt. Trotz aller Debatten um #MeToo, die geringe Quote von Frauen in der Filmbranche und die marginale Bedeutung von Nicht-Weißen im US-amerikanischen Filmgeschäft entwickelte Hollywood seinen Glanz. Doch die Erfindung der begehrten Trophäe gegen Ende der 1920er Jahre geschah nicht zu einer Glanzzeit des Kinos, sondern war die Reaktion auf eine Krise. Erfindungen wie das Radiogerät sorgten für einen Rückgang der Kinobesuche. Einflussreiche Gewerkschaften kämpften für eine bessere Bezahlung der Arbeiter in den Studios und die Einführung geregelter Arbeitsverhältnisse. Schließlich hatten die Studios gegen die Zensur zu kämpfen.

Der Leiter der einflussreichen Metro-Goldwyn-Mayer-Studios (MGM), Louis B. Mayer, traf sich mit zwei guten Freunden, um eine Lösung zu finden. Zusammen mit Conrad Nagel und Fred Niblo erfand er eine Institution, die die Kunst des Filmemachens verkörpern und eine zentrale Steuerung der Interessen der Filmschaffenden gewährleisten sollte: die "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" (AMPAS). Die begehrten Trophäen wurden 1929 erstmals verliehen. Die 3,9 kg schwere und 34 cm hohe Figur eines Ritters mit angedeutetem Schwert, auf einer Filmdose stehend, besteht aus einer harten Zinnlegierung und ist vergoldet. Die ehemalige Vorstandssekretärin der Akademie, Margaret Herrick, soll beim Anblick der Statue gesagt haben: „Der sieht ja aus wie mein Onkel Oscar!“ In den Annalen der Akademie wird sie oft als offizielle Namensgeberin angeführt.

Kinostadt Köln

Als die US-amerikanische Filmakademie erfunden wurde, war im Deutschland der Weimarerer Republik von Krise noch nichts bzw. nichts mehr zu spüren, im Gegenteil: in den Großstädten boomten die Filmpaläste. Unser Bild der Woche zeigt den Zuschauerraum des Modernen Theaters, das 1912 nach Plänen des Architekten Robert Perthel auf der Breite Straße errichtet worden war. Es markiert den Beginn der Kölner Filmpaläste, dem nach Ende des Ersten Weltkriegs zahlreiche weitere Großkinos folgen sollten. Das Moderne Theater war das erste Kölner Lichtspielhaus, das das Milieu der Wohn- und Geschäftsgebäude, in der die Kinos bis dato untergebracht waren, verließ. In Prunk. Größe und Ausstattung konnte es sich mit den großen Opern- und Schauspilehäusern seiner Zeit messen. Der Raum bot PLatz für 1200 Zuschauer und ein 20-Mann-Orchester, das die Stummfilme musikalisch untermalte.

Werner Mantz hat den Innenraum 1927 festgehalten. Die von Arbeitslosigkeit, Hunger, Wohnungsnot und britischer Besatzung geprägten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren für die Kölner vorbei. Andere Filmpaläste machten dem Modernen Theater Konkurrenz. Agrippina und Schauburg, Tivoli und Rhenania lockten mit Hunderten von bequemen Sesseln, Premieren und Kino-Cafés. Köln war einer der Filmmetropolen des Landes, und das Kino spielte hier wie auch andernorts eine zentrale Rolle: "Die großen Lichtspielhäuser", so der Journalist Siegfried Kracauer 1926, "sind Paläste der Zerstreuung ... Gepflegter Prunk der Oberfläche ist das Kennzeichen dieser Massentheater. Sie sind Kultstätten des Vergnügens". Hier konnten die Zuschauer die Welt draußen nicht nur vergessen: Sie wurden zum Teil einer anderen, glanzvollen und weiten Welt.

Nach der Krise der 1990er und 2000er Jahre ist in den letzten Jahren wieder ein Aufwärtstrend bei den Kölner Kinos abzulesen. Trotz Streaming-Diensten, Raubkopien und Internet bommt das Kinoerlebnis wieder. Doch die Klage über das Sterben der Kinos ist so alt wie das Kino selbst. Die Lichtspielhäuser werden alle Stürme überleben, weil das Dunkel des Kinosaaals eben nicht mit heimischen Beamerprojektionen zu ersetzen ist. Ob die US-Filmindustrie heil aus der Krise kommt, bleibt hingegen abzuwarten.

M. Hamann