Bölls Held

Bild der 01. Woche - 1. Januar bis 7. Januar 2018

Heinz Held: Porträt Heinrich Böll, um 1948. Fotografie auf Silbergelatine, Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML/F 1996/0097 (Foto: RBA)

Ein neues Jahr hat begonnen, und damit ist das Böll-Jahr, mit dem in Köln an den großen Schriftsteller erinnert wurde, vorüber. Wer es bislang versäumt hat, sich mit Böll zu bechäftigen, hat dazu jedoch noch bis Sonntag Zeit. Dann endet die Ausstellung „Die humane Kamera“ im Museum Ludwig. Darin nimmt das Museum Ludwig den 100. Ge­burt­s­tag Bölls zum Anlass, um das Ver­hält­nis des Autors zur Fo­to­gra­fie und zum Fo­to­gra­fieren zu untersuchen – als Per­son des öf­fentlichen Lebens, als Ge­gen­s­tand sein­er Be­trach­tung, als Hilfs­mit­tel für sein lit­erarisch­es Schaf­fen und als Mo­tiv in sei­nen Schriften.

Es gehört zum Wesen der Fotografie, dass sie dem Betrachter gleich drei miteinander verwobene Erzählebenen in nur einem Augenblick bietet: die des Dargestellten, die des Darstellenden – und die der Darstellung, die sie miteinander verbindet. So erscheint in unserem Bild der Woche zuerst die Geschichte des porträtierten Heinrich Böll: jenes beispiellos feinfühlig-scharfzüngigen Literaten, in dessen Romanen, Erzählungen und Schriften sich Politik, Kunst und Zeitgeschehen zu einem Bekenntnis zur Freiheit und die Macht des Widerstands verbinden. Wir betrachten sie dann mit den Augen eines anderen bedeutenden Einwohners Kölns: des bekannten Fotografen Heinz Held, dessen Geschichte mit der der Stadt und des Lebens in ihr fest verschmolzen ist. Und im Zusammentreffen beider Geschichten legt die Aufname Zeugnis ab von der Geschichte der Freundschaft zwischen beiden wichtigen Söhne der Stadt Köln. Sie handelt von der Begegnung zweier Geister, die sich, obgleich von unterschiedlichen Anfangspunkten ausgehend, in ihrer neugierigen Öffnung für die Welt des jeweils anderen treffen. Böll, der große Literat, ist es immerhin, der mit seinen Geschichten Augenblicke seziert und Bilder zeichnet. Und Held ist der weitsichtige Fotograf, der in der andächtigen Bannung des einzelnen Moments Geschichten zu entfalten, zu erzählen weiß.

Held, 1918 in Köln geboren, blieb in seiner ganzen Laufbahn der Stadt und derem kulturellen Leben tief verbunden. Sein persönlicher, im visuellen Erforschen immer wertschätzender Blick auf Köln prägte sein fotografisches Werk. Es lebt vom Zauber des Zufälligen, das er gleichsam aus dem Schatten erhascht und treffsicher ins Bild bannt. In genau dieser Spannung erweckt er mit seinen Motiven all jene Geschichten, die in den dargestellten Situationen und Szenerien ganz natürlich angelegt scheinen, virtuos zu immer neuem Leben.

Eben in dieser Macht der Fotografie, moralisch zu sein, ohne zu moralisieren, findet auch Böll sich im Geiste wieder. Das zeigt sich in der engen Verwandtschaft zu der Art der Bildlichkeit, die in seinem eigenen Schreiben und seinen Schriften von höchster Bedeutung ist: einer visuell aufgeladenen Poesie, die sich an Bildern entzündet und mit eigenen Worten den Zeitgeist in all seiner Schönheit und Hässlichkeit mit unvoreingenommener Hingabe portraitiert.

Dass aus dem Zusammentreffen dieser beiden Persönlichkeiten eine produktive Zusammenarbeit, aber vor allem eine tiefe Freundschaft entstand, ist daher allzu gut verständlich. Und wie viele andere Fotografien Helds zeugt auch diese hier beispielhaft davon, wie der Geist des Fotografen den Geist des Schriftstellers auf behutsam deutliche Weise einfing. „Es gibt große Augenblicke der Fotografie. […] Es gibt Augenblicke, in denen auf einer Fotografie der Sinn einer Landschaft, ihr Atem spürbar wird, ein Porträtierter ‚erkannt‘ wird oder der geschichtliche Augenblick vors Objektiv kommt“ – so schreibt Böll in seinem Fotografieessay "Die humane Kamera".

Und tatsächlich: Auf Helds Fotografie wird die im Hintergrund liegende Landschaft aus Büchern und Fotografien metaphorisch lebendig. Die Subtilität der Darstellung Helds vermag wie in so vielen seiner Werke durchaus davon zu zeugen, dass mit diesem Fotografen ganz im Sinne Bölls „ein Mensch [hinter dem Objektiv] steht, […] der das Geheimnis respektiert, wenn er das Geheimnisvolle sichtbar machen will“.

T. Müller M. Hamann