In Kälte erstarrt

Bild der 09. Woche - 26. Februar bis 4. März 2018

Karl Friedrich Lessing: Klosterhof im Schnee, um 1830. Öl auf Leinwand,
61 x 75 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 1944, Zugang 1835 (Foto: RBA)

Wir blicken auf eine vollkommen erstarrt wirkende Szenerie. Der Innenhof des Kreuzgangs ist von einer dünnen Schneeschicht, die schon länger auf der Rasenfläche, den Felsbrocken und der zerzausten Tanne zu liegen scheint, bedeckt. Selbst der Brunnen rechts hat unter der Strenge des Winters seinen Dienst eingestellt: Aus dem drachenköpfigen Wasserspeier ergießt sich nur noch ein Eisstrom in das Bassin.

Die Zweige des Baumes leiten unseren Blick in den Hintergrund des Bildes, auf die Galerie eines Kreuzgangs, unter sich ganz schwach Leben abzeichnet. Ein Portal, flankiert von kauernden Atlanten in ihren Mänteln aus Schnee, gibt den Blick in die Galerie des Kreuzgangs frei. Dort schreitet ein Zug dunkler Gestalten, offenbar Mönche, von rechts kommend in die geöffnete Kirche. Im Innenraum ist im Kerzen- oder Fackelschein eine Altarbild zu erkennen, offenbar ein Marienaltar. Dort scheinen sich die Mönche zum Gebet oder Gottesdienst zu versammeln. Über dem Zugang zum Kreuzgang erscheint außen eine weitere, verschneite Marienfigur in einer hoch angebrachten Nische, direkt über dem Kirchenportal zeigt ein bemaltes Bogenfeld eine Dreifigurengruppe, die an die Darstellung einer Deesis erinnert: Maria und Johannes der Täufer bitten für die sündige Menschheit bei Christus um Gnade.

Die einzelnen Elemente des Bildes scheinen fast Hinweise auf eine tiefere Bedeutungsbene zu geben. Das Strom des Wassers, der erstarrt ist; die unbewegliche Natur; die steinerne Düsternis der Klosterarchitektur; und schließlich der Zug der Mönche tragen Spuren einer Vergänglichkeitssymbolik, das warme Licht, das von dem Altarbild im Hintergrund ausgeht, erinnert an das christliche Heilsversprechen. Aber ist das wirklich gemeint?

Unser Bild der Woche stammt von Karl Friedrich Lessing, einem Großneffen des Dichters. Aus einer Beamtenfam,ilie in Breslau stammend, studierte er bei Karl Friedrich Schinkel in Berlin Architektur, danach Malerei, bevor er mit dem befreundeten Wilhelm von Schadow 1826 an die Düsseldorf Kunstakademie wechselte. Seinen ersten Erfolg konnte er schon 1825 mit dem Bild "Kirchhof mit Leichensteinen und Ruinen im Schnee" erreichen, das auf der Berliner Kunstausstellung großes Aufsehen erregte und einen hohen Preis erzielte. Der Erfolg versöhnte den Vater mit der Malerkarriere des Sohnes.

In Rheinland wurde Lessing zum Mitbegründer der Düsseldorfer Malerschule und machte schnell Karriere. Seine melancholischen Landschaften in der Nachfolge von Caspar David Friedrich fanden zahlreiche Käufer. Die Motive der zerfallenen Burgen, vergessenen Kirchhöfe und zerklüfteten Felspartien, oftmals bevölkert von Mönchen, Rittern oder Räubern, gaben der deutschen Malerei der Spätromantik einen märchenhaft-poetischen Zug. Dabei fußt sein Werk auf präzisen Naturstudien. Seine Inspirationen schöpfte er unter anderem aus den Landschaften der Eifel, die er von 1832 ab oftmals bereiste. 

Dieser Phase seines Werkes ist die Kölner Szene zuzuordnen. Ein zweiter Schwerpunkt in Lessings Werk war die Histoienmalerei, doch in Erinnerung geblieben sind inbesondere die melancholischen Landschaften. Einen allegorischen Zusammenhang - ein Hinweis auf die menschliche Sterblichkeit oder eine religiöse Deutungsebene - dürfte man in dem Bild jedoch vergeblich vermuten. Lessing kleidet seine sehr präzise und akurate Naturschilderung einfach in ein romantisierendes Kleid. Im Grunde ist in diesem Gemälde vor allem eines zu sehen: Kälte. Bittere Kälte.

M. Hamann