Auf dem Weg der Besserung

Bild der 06. Woche - 5. Februar bis 11. Februar 2018

Leopold Karl Walter von Kalckreuth: Die Genesende, um 1880, Öl auf Leinwand, 117 x 89 cm. Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 2369 (Foto: RBA)

Leopold Karl Walter von Kalckreuth: Johann Wilhelm Alexander Schnütgen, um 1910. Öl auf Leinwand, Köln, Museum Schnütgen, Inv.-Nr. M 329 (Foto: RBA)

Furchtbar - alle Welt ist erkältet oder verschnupft, hüstelt oder schnieft vor sich hin. Das wird nach Karneval nicht besser werden, wenn sich dann schließlich alle angesteckt haben. Kein Wunder, dass der Internationale Tag der Kranken zu dieser Jahreszeit begangen wird - genauer gesagt am 11. Februar, wenn die Erkältungssaison im Spätwinter ihren Höhepunkt erreicht. Allerdings steht bei diesem Gedenktag nicht der Schnupfen im Mittelpunkt Das Fest geht auf die Initiative eines Papstes zurück. Johannes Paul II. gab die Anregung, an diesem Tag an alle jene zu denken, die von Krankheiten heimgesucht werden. Und nicht nur an sie zu denken, sondern sie zu besuchen oder anzurufen.

Die junge Dame in unserem Bild wirkt so ermattet, dass sie vielleicht gar keinen Besuch empfangen möchte oder kann. Immerhin ist sie offenbar auf dem Weg der Besserung, denn sie sitzt bereits im Lehnstuhl, den Kopf auf ein großes Kissen gebettet. Sie ist im Bild kaum anwesend, denn der mächtige Sessel umfängt sie vollkommen. Da sich die dunkle Farbskala von Kleid und Stoffbezug ähneln, verschmilzt die junge Frau geradezu mit ihrer Umgebung. Nur ein zerknülltes weißes Taschentuch und die Hände stechen in ihrer fahlen Hautfarbe aus der dunklen Umgebung hervor - sind aber vollkommen kraftlos herabgesunken. Nur im Auge der jungen Dame findet sich etwas Lebensgeist. Wenn auch noch nicht viel Kraft darin liegt, so macht sie sich doch die Mühe, dem Betrachter entgegen zu blicken.

Dieses meisterhafte Porträt einer Unbekannten stammt von Leopold Karl Walter Graf von Kalckreuth (1855-1928), der einem breiten Publikum heute kaum noch bekannt sein dürfte, als Genremaler und Porträtist zu seiner Schaffenszeit jedoch großen Einfluss hatte. Die Karriere des Grafen ist typisch für den akademischen Werdegang eines Malers im späten 19. Jahrhundert. Er studierte zunächst gegen den Willen seines Vaters Stanislaus, dessen Werke sich ebenfalls in Kölner Besitz befinden, an der Kunstschule in Weimar. 1879 wechselte er an die Akademie der Schönen Künste nach München, wo Franz von Lenbach ihn nachhaltig prägte. Dort begegnete er auch den Werken des französischen Realismus und Impressionismus, die auf der Internationalen Kunstausstellung (1879) zu sehen waren, insbesondere seinem großen Vorbild Jean-François Millet. Von 1885 bis 1892 leitete Leopold von Kalckreuth als Künstler und Kunstlehrer die Naturklasse in Weimar, eine der Keimzellen des späten deutschen Impressionismus. Darauf folgte Stationen an den Akademien von Karlsruhe (1895 bis 1899) und Stuttgart (1900 bis 1905). Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wurde Kalckreuth 1903 Präsident des Deutschen Künstlerbundes. 1905 trat er von seiner Stuttgarter Professur zurück und überließ einer jüngeren Generation das Feld. 1906 zog er sich nach dem Selbstmord seines Sohnes aus der Öffentlichkeit zurück, war jedoch als Porträtmaler weiter hochgeschätzt.

Kalckreuths Werke, gerade die Porträts, wirken oft sehr privat und unmittelbar, was der spontanen Pinselführung zu verdanken ist. Dies gilt auch für ein anderes Gemälde in Köln, das Bildnis des Domherrn Alexander Schnütgen (Abb. 2). Doch Kalckreuth besitzt die Gabe das Wesentliche des Menschen aufs Bild zu bannen und der Darstellung etwas Allgemeingültiges zu verleihen. Und so ist unser Bild der Woche eben kein Porträt und auch kein Genrebild, sondern die treffende Schilderung einer Dame auf dem Weg der Besserung.

M. Hamann