Don Quijote beim Lesen

Bild der 08. Woche - 19. Februar bis 25. Februar 2018

Adolf Schrödter: Don Quijote, um 1834, Öl auf Lindenholz, 59 x 49,5 cm.
Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 1305, Zugang 1881 (Foto: RBA)

"Don Quijote, im Lehnstuhl lesend". So lautete der Titel des Gemäldes von Adolf Schrödter, das im um das Jahr 1834 entstand. Der ehemalige Kupferstecher Adolf Schrödter gehörte der Düsseldorfer Malerschule an und gilt als einer der ersten deutschen Künstler, die sich mit einer anderen Form der Darstellung beschäftigten. Sein Stil wird oft als der Vorläufer der Comic-Zeichnungen angesehen, die durch die überspitzte Darstellung die großen Themen der Gesellschaft scheinbar spielerisch und deutlich behandelt. Schrödters neue Form der Kunst machte ihn im 19. Jahrhundert zu einem Meister der Parodie und des Humors. Deswegen scheint es nicht zu verwundern, dass Schrödter die literarische Figur des Don Quijote als Motiv auswählte, um die Ikonographie der Gelehrten in voller Tragik, Lächerlichkeit und doch Größe zu zeigen.

Don Quijote gilt seit jeher als tragische Parodie auf die weitverbreiteten romantisierten Rittergeschichten zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Diese Ritterromane erfreuten sich einer so großen Nachfrage, dass ständig neue Werke entstanden, um die gierige Leserschaft zu befriedigen. Dabei nahmen die Geschichten immer fantastischere und abenteuerlichere Ausmaße an, die bei vielen Zeitgenossen, insbesondere Gelehrten, auf kritisches Naserümpfen stießen. Besonders warnten sie vor den verschiedensten Gefahren, die das Lesen der Geschichten mit sich bringe: Der Verstand könne sich vernebeln, klares Denken sei nicht mehr möglich und die Leserschaft könne schließlich ganz verblöden, bei derart seichter und realitätsferner Lektüre.

Auch Miguel de Cervantes unterstreicht in seinem Roman "Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha" diese kritische Haltung. Seine Figut des Don Quijote tritt als Karikatur und Gegenbild des musterhaften, heroischen Ritters der damaligen Vorstellung auf. So ist seine Rüstung ramponiert, alt und muss mit den unmöglichsten Materialen zusammengeflickt werden. Und auch der Knappe, der ihm zur Seite steht, ist nicht stark und mutig. Sancho Panza ist dick und muss zu aller Erniedrigung auf einem Esel neben seinem Herren reiten. Als ob das nicht genug wäre, kampft diese lächerliche Rittergestalt in Ermangelung eines realen Feindes gegen die berühmten Windmühlen. Ein Feind also, der keiner ist, und nur von Don Quichote als solcher wahrgenommen wird. Wir sehen einen Ritter, dem ohne Feind der Sinn entzogen ist.

Schrödter treibt dieses Motiv auf die Spitze, in dem er Don Quijote in einer Studierstube malt. Dort sitzt er in einer Ecke des einschüchternden Lesesessels und liest mit staunendem Ausdruck in den großen Büchern der Gelehrten, damit er die Realität versteht, um die er doch alltäglich betrogen wird. Diese aber ist zu groß und überwältigend für ihn, den einfachen Menschen, der eben nicht heroisch und heldenhaft ist. Deutlich wird diese Übergröße des gesammelten Wissens in den Perspektiven des Bildes. Don Quijote geht fast unter neben den Bücher und Schriften.

J. Michel