"Die Treue ist das Mark der Ehre"

Bild der 04. Woche - 22. Januar bis 28. Januar 2018

Wimpel "Die Treue ist das Mark der Ehre", um 1919, Köln. Stoff, bestickt und mit Bordüren versehen. Köln, NS-Dokumentationszentrum, o.I. (Foto: RBA)

Wimpel "Die Treue ist das Mark der Ehre" (Rückseite), um 1919, Köln. Stoff, bestickt und mit Bordüren versehen. Köln, NS-Dokumentationszentrum, o.I. (Foto: RBA)

„Meine Ehre heißt Treue“ - dieser Leitsatz der Schutzstaffel (SS) ist heute verboten. Aktuelle rechtsextreme Gruppen verwenden deshalb die oben stehende Formulierung. So zum Beispiel 2007 als Motto für einen Aufmarsch auf dem Soldatenfriedhof in Halbe, Brandenburg, auf dem sie den gefallenen Wehrmachtsoldaten gedenken wollten. Doch warum darf der Satz in dieser Form heute verwendet werden? Der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus", der am 27. Januar begangen wird, ist eine passende Gelegenheit, das zu erläutern.

(K)ein nationalsozialistisches Motto

Anders als das Motto der SS stammt „Die Treue ist das Mark der Ehre“ nicht originär aus der Zeit des Nationalsozialismus. Zurückzuführen ist der Satz auf ein Gedicht des deutschen Dichters Friedrich Schlegel (1809): Im Kontext der sogenannten Befreiungskriege gegen die napoleonische Herrschaft ruft Schlegel in seinem Gedicht zum Krieg und zur freiwilligen Aufopferung für das „Vaterland“ auf. Er greift auf völkisch-germanische Motive zurück, um das Leitbild eines deutschen „Nationalkriegers“ zu propagieren. Dieser erlange Ehre in der Gesellschaft durch eigene Treue gegenüber der Nation.

Der Generalfeldmarschall und spätere Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847-1934) übernimmt den Satz als persönliches Lebensmotto. Hindenburg wird so zur Symbolfigur des treuen Soldaten, der seinem Land sowohl unter der kaiserlichen Regierung als auch in der Weimarer Republik diene und für Kontinuität und Sicherheit stehe. An diese Tradition wird mit der Verwendung des bekannten Slogans im Nationalsozialismus angeknüpft. Eingebettet in die rassistische Ideologie wird die sogenannte Soldatenehre hier mit Treue gleichgesetzt, also Gehorsam und Führerglauben.

Überraschende Wendung

Beim aktuellen Bild der Woche handelt es sich um einen Wimpel, der den Spruch „Die Treue ist das Mark der Ehre“ auf der Rückseite trägt. Bei der Betrachtung der Vorderseite wird klar, dass es sich ausgerechnet um ein Banner der Ortsgruppe Köln des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RJF) handelt. Dieser gründet sich 1919, um gegen den steigenden Antisemitismus in Deutschland vorzugehen. Obwohl die Mitglieder des Bundes zuvor im Ersten Weltkrieg gekämpft haben, sprechen ihnen Teile der Bevölkerung eine patriotische Einstellung und „Vaterlandsliebe“ ab. Viele Juden sehen sich jedoch in erster Linie als Deutsche jüdischer Glaubensrichtung. Der RJF hebt vor allem das Gedenken an die 12.000 gefallenen jüdischen Soldaten in den Vordergrund. Auch an der Symbolik des Wimpels wird diese Einstellung deutlich: Die verwendeten Farben Schwarz-Weiß-Rot stehen hier für das deutsche Kaiserreich. Schwert, Helm und Ehrenkreuz symbolisieren Insignien des Soldatentums.

Verschiedene Bedeutungen – Bezeichnende Gemeinsamkeiten

Der Spruch „Die Treue ist das Mark der Ehre“ wurde also in verschiedenen Kontexten mit unterschiedlichen Funktionen benutzt. Diente er bei Schlegel als Aufruf zum Widerstand gegen die napoleonische Herrschaft, wurde er von Hindenburg und dem RJF als Ausdruck des deutschen Soldatentums verstanden. Diese Tradition wurde dann im Nationalsozialismus mit einer rassistischen Ideologie verbunden. Heute dient der Slogan Gruppen der extremen Rechten zur Verherrlichung von völkischem Denken, Krieg und Wehrmachtstugenden. Gemeinsam ist ihnen allen die zweifellos in Frage zu stellende Überhöhung von Militär, Patriotismus und Nationalismus.

K. Wonnemann