Auf den Olymp

Bild der 05. Woche - 29. Januar bis 4. Februar 2018

Nicolas Berchem: Der Olymp, Federzeichnung in Dunkelbraun, braun laviert, auf weißem Papier (Flecken), auf Karton aufgezogen
ca. 27,6 x 20,5 cm. Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. Z 01418, Leihgabe seit 1884.03.1 (Foto: RBA)

In einer Woche geht es los: Dann blickt die Sportwelt nach Südkorea und feiert die XXIII. Olympischen Winterspiele. Welche Sportlerin, welcher Athlet den Gipfel erklimmen wird - und ob es dabei mit rechten Dingen zugeht -, werden wir sehen. Oben angekommen, wird der Preis für die Mühen eine Medaille sein und kein Kranz aus Olivenzweigen, wie ihn die Sieger der antiken Wettbewerbe in Olympia bekamen, oder gar Ambrosia, die unsterblich machende Speise der Götter. Als Zuschauerinnen und Zuschauer werden wir gemütlich vor den Fernsehbildschirmen dabei sein, ganz so wie die Götter auf unserem Bild der Woche die Mühen der Menschen gelangweilt und amüsiert betrachten. Zum Beispiel, wenn die Sterblichen selbst auf den Olymp gelangen wollen.

„Der Weg zu den Göttern“ ist eine der beliebtesten Touristenattraktionen im Gebirge an der Ostküste Griechenlands. Sie verspricht den Besuchern, die griechische Mythologie einmal hautnah erleben zu können. Hält der Urlauber bei der Wandertour allerdings Ausschau nach dem göttlichen Berg, wird er enttäuscht. Denn in der Realität gibt es nicht den einen Berg Olymp. Stattdessen wird das gewaltige Bergmassiv mit dem höchsten Gipfel Griechenlands (2.917 m) und den tiefen Schluchten in seiner Gesamtheit als „Berg der Götter“ bezeichnet.

Trotzdem verzaubern der Nationalpark mit dichten Wäldern, Olivenhainen und duftenden Kräuterwiesen und der herrliche Blick auf das nicht weit entfernte Mittelmeer. Natürlich – denn die Olympier, die Hauptgötter der griechischen Mythologie, wählten eben dieses Gebirge als Residenz, nachdem sie die göttliche Weltherrschaft angetreten hatten. Ein angemessener Ort also, an dem sie feiern, tafeln, diskutieren und Intrigen spinnen konnten.

Diese Funktion weist Nicolaes Berchem seinem Olymp zu - dem Holländer wird die Zeichnung jedenfalls zugeschrieben; möglicherweise war sie eine Studie zu einem seiner zahlreichen mythologischen Gemälde. Die fließenden Formen ohne scharfe Kanten und die mit Feder in Sepia, hellbraun und grau gezeichnete Motivik der Olympier erschaffen einen lebhaften Eindruck, was dem Treiben auf dem Olymp ja entsprich. Die schwebende Darstellung der Götter verzaubert dabei den Betrachter durch ihre Leichtigkeit, denn so scheinen die Olympier teilweise in entspannter Bewegung zu sein.

Die gesamte Zeichnung wirkt wie eine Momentaufnahme des Götterlebens, das im Grunde dem unseren gleicht. So findet sich eine Gruppe um Zeus im oberen rechten Teil der Zeichnung zusammen. Die um ihn gescharten Olympier hängen dem Göttervater an den Lippen, so dass eine gewisse Hierarchie in der Gemeinschaft deutlich wird. In geselliger Runde fällen sie dabei womöglich Entscheidungen über das Schicksal der Welt und der Sterblichen.

Zwar ist im Bild der olympische Berg selbst nicht zu erkennen. Doch könnte man die gesamte Szenerie als Repräsentation des olympischen Alltags interpretieren. Hier sind jedoch weitere Forschungen notwendig. Bis dahin müssen wir uns mit der Schönheit der Skizze zufrieden geben. Und mit der Möglichkeit, diese Schönheit einmal in Griechenland selbst erleben zu können. Oder eben vor dem Bildschirm.

J. Beinlich