Leise rieselt der Schnee

Bild der 51. Woche - 18. Dezember bis 24. Dezember 2017

Heinz Held: Am Tag vor Heiligabend, nicht datiert, Silbergelatineabzug, Köln, Museum Ludwig, nicht inventarisiert

 

Die Schwarzweiß-Fotografie „Am Tag vor Heiligabend“ hält eine Szene am Vorweihnachtstag auf den Straßen Kölns fest. Es ist kalt, es schneit und die Fenster der Nachkriegswohnungen sind mit Tannenzweigen geschmückt. Für aufwändige Dekorationen und bunte Lichter hat das Geld der Bewohner selten gereicht. Doch die Wirtschaft stabilisierte sich zunehmend – es gab Arbeit für jeden, der arbeiten konnte. Gerade diese Arbeiter waren es, die vornehmlich in dieser Art Mehrfamilienhäusern wohnten. Sie arbeiteten in Fabriken, Brauereien oder im Handwerk und mussten erst noch auf das Wirtschaftswunder warten, das die Lebensverhältnisse in Deutschland deutlich verbessern würde.

Zur Vorgeschichte
Nach der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs gelang der Wiederaufbau wie in vielen Großstädten Deutschlands und Europas auf erstaunliche Art und Weise. Die Gemeinschaft der Bevölkerung, die zusammen tatkräftig daran arbeitete ihre Heimat wiederaufzubauen, war in den Nachkriegsjahren so stark und erfolgreich wie nie zuvor. Doch Zeit und Geld waren knapp bemessen und so bemühte man sich, einfache Häuser zu bauen. Als Anspruch hatte man lediglich eine Versorgung der Grundbedürfnisse: Man wollte ein Dach über dem Kopf, regelmäßiges Essen auf dem Tisch, eine geregelte Arbeit und vielleicht hin und wieder Zeit haben, um in Ruhe mit den Kindern zu spielen. Daher war gerade in den Nachkriegsjahren Weihnachten ein Fest der Liebe, der Familie, der Ruhe und der Besinnlichkeit. An glamouröse Geschenke, Glanz und Glitter war nicht zu denken.

Kölner Geschichte – Kölner Fotograf
Es ist eine der vielen Fotografien des Kölner Fotografen Heinz Held, der durch zahlreiche fotographische Inszenierungen die Kölner Nachkriegszeit künstlerisch festgehalten hat. Auch der Wandel und der wirtschaftliche Aufschwung der 60er Jahre werden in seinen Werken eindrucksvoll festgehalten.

Privat – Öffentlich – Natürlich?
Die Fotografie wirkt durch den hellen Streifen am unteren Drittel des Bildes beinahe wie aufgeteilt. Es handelt sich dabei jedoch um die Oberseite der Mauer, die mit Schnee bedeckt ist und den Hinterhof der präsenten Mietshäuser von der Straße abschirmt. Auf dem Gehweg befinden sich zwei Personen, die mit gesenktem Blick zielgerichtet die Straße entlang gehen. Die Mauer und der Schnee schneiden die beiden von dem naturbelassenen Innenhof ab. Dadurch wirken das Häusliche und das Öffentliche voneinander abgegrenzt. Der schwarze Laternenmast nimmt eine weitere Trennung vor. Er teilt den oberen Bildteil in zwei Hälften auf: Links befinden sich die Mietshäuser, rechts die Bäume. Somit wird nicht nur das Private vom Öffentlichen getrennt, sondern auch das Natürliche von dem künstlich Erschaffenen.

Fest der Liebe
Aufgrund dieser beeindruckenden Bildkonzeption sowie dem Einfangen des Schneefalls und des schlichten Weihnachtschmucks im Hintergrund gelingt es Held, die ruhige, in sich gekehrte Stimmung der weihnachtlichen Nachkriegszeit deutlich zu machen und uns daran zu erinnern, dass Weihnachten keinen teuren Prunk braucht, um uns glücklich zu machen.

B. Lambertz