Wachsende Stille

Bild der 48. Woche - 27. November bis 3. Dezember 2017

Richard Oelze: Wachsende Stille, 1961, Öl auf Leinwand, 98 x 125 cm, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 76/3250 (Foto: AvT, 2017)

Das Gemälde „Wachsende Stille“ des Magdeburger Künstlers Richard Oelze ist als Digitalisat eher unscheinbar. Im Museum Ludwig hängt es neben der drittgrößten Picasso-Sammlung Europas, ein vermeintlich ungünstiger Ort. Aber gerade dort kann es seine beeindruckende Wirkung angemessen entfalten.

Der gesättigte Museumsbesucher streift durch die Räume. Er kennt die Klassische Moderne und den Expressionismus, hat Werke von Otto Dix und Max Beckmann gesehen, bestaunt also Picasso und betritt dann den Nebenraum. Sein Blick wandert über die Wände, auf der Suche nach weiteren Attraktionen. Auf einmal bemerkt er aus dem Augenwinkel eine Regung. Er dreht sich herum und dort in der Ecke hängt das eher kleine Gemälde von Oelze. Während er nun neugierig darauf zu geht, lösen sich aus der felsigen Landschaft seltsame Ungeheuer. Ihre morbiden Körper bewegen sich langsam, die toten Augen starren den Betrachter an und verfolgen jede seiner Bewegung. Die verzerrten Fratzen ersticken in stummen Lauten, ihr lärmendes Entsetzen jagt durch die Luft. Sie trifft den Betrachter unvermittelt. Wie ein visualisierter Albtraum.

Als Oelze dieses Gemälde malt, ist er 61 Jahre alt. Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt 16 Jahre zurück aber der Schrecken ist allgegenwärtig. Er lebt zurückgezogen in der Künstlerkolonie Wopswede in Niedersachsen, tritt kaum in Kontakt zur Außenwelt. Fünf Jahre Kriegsdienst und Gefangenschaft haben Spuren hinterlassen. War Oelze schon vor dem Krieg Einsiedler gewesen, versinkt er nun ganz in seinen surrealen Schattenwelten. In wechselnden Wohnungen mit kargen Räumen, blinden Fenstern und undichten Dächern leisten ihm Mäuse die einzige Gesellschaft. Er gerät in Vergessenheit.

Dabei war Oelze noch in den Dreißigerjahren in einem Atemzug mit Max Ernst und Salvador Dli genannt worden. Bei den großen und wichtigen Surrealisten-Ausstellungen in London, New York und Paris konnte das Kunstpublikum seine Werke bewundern. Insbesondere das Gemälde „Die Erwartung“ (Paris 1935/6) erregte internationale Aufmerksamkeit. Ähnlich wie beim Betrachten der „Wachsenden Stille“ fühlt sich der Rezipient der Ruhe vor dem Sturm ausgesetzt. Später interpretierte man das Bild als Vorahnung des Zweiten Weltkrieges, „mit einer Andeutung von geradezu journalistischer Aktualität“, wie US-amerikanische Kunsthistoriker und Gründer des Museum of Modern Arts in New York Alfred H. Barr treffend feststellte. Bereits fünf Jahre nach der Entstehung kaufte er es für seine Sammlung.

Von diesem Ruhm weiß heute kaum noch jemand. Aber man kann die Bedeutung Richard Oelzes für die Zeitgenossen und den Surrealismus am Beispiel der „Wachsenden Stille“ selbst spüren: Der optischen Täuschung anheim gefallen, bleibt der Betrachter bedrückt zurück, konfrontiert mit den eigenen Ängsten.

C. Hoffmann