Ein kleiner Löwe aus dem Museumsdepot

Bild der 43. Woche - 23. Oktober bis 29. Oktober 2017

Aquamanile in Form eines Löwen, Niedersachsen, 1. Hälfte 13. Jahrhundert, Bronze. 21,5 x 22 x 9 cm, Köln, Museum Schnütgen, Inv.-Nr. H 940

Die große Sonderausstellung „Expedition Mittelalter. Das verborgene Museum Schnütgen“ (20.10.17–28.01.18) lädt zu einer spannenden Entdeckungstour ein. Gleich im ersten Raum taucht der Besucher ein in eine paradiesische Vegetation, den „Garten der Schöpfung“. Dort erwartet ihn eine Vielfalt an mit Ranken verzierten Kapitellen, ornamentale Buchmalerei und mit Fabelwesen bestickte Textilien. Auch dieses kleine Gießgefäß in Form eines Löwen, genannt Aquamanile, wird dort zu finden sein. Es gehört zu den vielen Objekte aus den Depotbeständen des Museums, die dem Publikum zur Sonderausstellung präsentiert werden.

Mit geschwellter Brust und erhobenen Hauptes steht der Bronzelöwe selbstbewusst auf seinen vier Pfoten. Er schaut dem Betrachter mit neugierig aufgerichteten Ohren freundlich entgegen. Seine dünnen Vorder- und weit zurückgestemmten Hinterbeine tragen einen eleganten schlanken Körper. Von Ohr zu Ohr entfaltet sich auf dem hochgewachsenen Hals ein reduziert dargestellter Mähnenkranz. Vom Hinterteil des Löwen erhebt sich ein Handgriff hin zum Kopf. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich dieser Griff als ein kleiner Drache, der sich nach vorn stemmt, um dem Löwen am Hinterkopf zu beißen. Kleine Ärmchen und ein dreiteilig auslaufender Schwanz komplettieren den dekorativen Drachengriff. Am Kopf des Löwen befindet sich auch eine Öffnung mit Klappdeckel zum Eingießen des Wassers, der Ausguss sitzt in seinem Maul.

Aus Kirchenbesitz haben sich zahlreiche figürliche Aquamanilien (lat. „aqua“, Wasser und „manus“, Hand) erhalten, denn sie wurden auch für liturgische Handwaschungen des Priesters oder Bischofs genutzt. Schon vor dem Eintritt des Geistlichen in die Messe war die Handwaschung ein festes Ritual. In diesem Kontext ist sie weniger als hygienische, sondern als geistige, innerliche Reinigung zu verstehen.
Seit dem 12. Jahrhundert treten Aquamanilien in der westeuropäischen Kunst in unterschiedlichster Form auf: als Tiergestalten, Fabelwesen oder als Ritter-Pferd-Gruppen. Die aus Bronze aufwendig gegossenen Gefäße galten als Luxusartikel und waren keine alltäglichen Gebrauchsobjekte.

Verbreitet waren Aquamanilien in der Gestalt eines Löwen. Diese Häufung lässt sich aus der Symbolik des Löwen ableiten, denn er steht für Macht sowie für Mut und Glaubensstärke. Der Löwe kann auch als Christussymbol gedeutet werden. Die Verwendung eines solch sinnbildlichen Gießgefäßes verlieh dem Akt der zeremoniellen Handwaschung eine außerordentliche Würde.

C. Offermans