100 Jahre Oktoberrevolution: Lenin - etwas anders.

Bild der 45. Woche - 6. November bis 12. November 2017

Walter Dexel: Lenin, 1970, Siebdruck (97/130), 65 x 50 cm. 
Köln, artothek, Inv.-Nr. 1973.117 (Foto: RBA, Sabrina Walz, 2010)

Walter Dexel schuf zwischen 1930 und 1933 seine Reihe "Köpfe", in der er bekannte Personen der Zeitgeschichte portraitierte. Dexels Biographie ist wechselhaft, zerissen, beeinflusst von den Ereignissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dexel war Maler, Grafiker, Verkehrsplaner, "entarteter Künstler" und veröffentlichte zugleich für die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e.V. In der Zeit der Weimarer Republik arbeitete er mit Ernst May und Kurt Schwitters, mit Expressionisten, Bauhaus-Künstlern, Realisten und Konstruktivisten. Nach 1933 geriet Dexel schnell in Konflikt mit dem NS-Regime. 1935 entließ ihn in die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg, und zwei seiner Werke erschienen in der Ausstellung "Entartete Kunst". Dexel protestierte erfolgreich und arbeitete fortan als Kunsthistoriker und Volkskundler.

Der Siebdruck "Lenin" zeigt uns, wie wenige Assoziationen wir brauchen, um Personen zu identifizieren. Der Spitzbart, die Glatze und die markanten Augenbrauen - Dexel hätte Lenin noch minimalistischer zeichnen können und wir hätten ihn wohl trotzdem erkannt. Das Phänomen nennt sich Pareidolie, das Erkennen von Gesichtern in Dingen und Mustern. Es ist insbesonders durch Assoziationen mit Hitler bekannt. Vor einigen Jahren ging ein Haus im walisischen Swansea durch die Medien, das dank seines schiefen Daches und der Türgestaltung viele an Hitler erinnerte. Noch viel bekannter sind "kitlers" - Katzen, die an Hitler erinnern.

Die Forschung geht davon aus, dass die Pareidolie evolutionär bedingt ist. Für das Überleben einer Gruppe ist das Erkennen menschlicher Gesichter unerlässlich. Unser Gehirn beschleunigt diesen Prozess, indem es aus den Formen und Farben, die uns umgeben, Gesichter herausfiltert. Schon Neugeborene orientieren sich an Gesichtern oder gesichtsähnlichen Formen. Das Gesicht von Lenin erkennen wir (wieder), weil es uns sehr bekannt ist. Ob wir Lenin aus dem Geschichtsunterricht oder aus populären Darstellungen kennen, seine Umrisse ordnen wir sofort zu.

In den 1970er Jahren wurde Dexels Reihe "Köpfe" und damit auch "Lenin" neu aufgelegt. Eines dieser Exemplare befindet sich in der artothek in Köln. Die artothek verleiht mehr als 1400 Werke für jeweils zehn Wochen. Die Striche und Formen, die unser Gehirn als Lenin identifiziert, könnten also auch bald in Ihrer Wohnung hängen - auch eine Form, um sich an das 100-jährige Jubiläum der Oktoberrevolution zu erinnern.

Lukas Klünemann