Germanen? Gibt es nicht.

Bild der 09. Woche - 27. Februar bis 5. März 2017

Arnold Böcklin: Germanen auf Eberjagd, 1858, Öl auf Leinwand, 103,5 x 83 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. Dep. 0325 - Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland seit 1968 (Foto: RBA)

Arnold Böcklin (* 16. Oktober 1827 in Basel; † 16. Januar 1901 nahe Florenz) war Schweizer. Er gilt als bedeutender Vertreter des deutschen Symbolismus. Seine Werke, meist Landschaftsgemälde, sind oft von mythologischen Fabelwesen bevölkert, die der römischen Antike entsprungen sind. 1858, kurz nach einer zeitweiligen Rückkehr aus Rom in seine Geburtsstadt, entstand das Bild „Germanen auf Eberjagd“.

Aber sind die Germanen von Böcklin historische Figuren, oder nicht eher mythologische Fabelwesen? Eigentlich letzteres, denn die Germanen gibt und gab es nicht. In Böcklins Gemälde sind zwei spärlich mit Fellen bekleidete, muskulöse Germanen zu sehen. Auch heute kennen wir solch ein Bild des Germanen aus verschiedenen Darstellungen. Der Typus hat seinen Ursprung in der antiken Bildsprache. Böcklin greift in seinem Werk immer wieder darauf zurück und flicht sie in sein Werk ein.

Das antike Germanenbild konnte Böcklin unter anderem in der "Germania" ("De origine et situ Germanorum liber") des Tacitus (* um 58, † um 120) finden: Germanen, so Tacitus, haben eine einfache Lebensweise, sind freiheitsliebend, haben Ehre und Kampfesmut. Andere antike Autoren ergänzten diesen Topos. Schließlich wurde das Klischee im Nationalismus und im Nationalsozialismus als Vorbild für echtes Deutschtum benutzt, die Germanen sogar zu Vorfahren der Deutschen verklärt. Tacitus liefert jedoch keinen Tatsachenbericht. Er will der römischen Gesellschaft den Spiegel vorhalten und ihren Zustand kritisieren. die Germanen als Gegenbild zu einer korrupten und dekadenten Gesellschaft konstruieren.

Auch bei anderen Schriftstellern der römischen Antike ist das Germanenbild immer mit einer bestimmten Bedeutung verbunden. Nach Caesar lebten die Germanen alle in der Germania. Der Rhein trennte Germania von Gallia und damit die Germanen von den Kelten. Damit machte Caesar die germanischen Stämme rechts des Rheins zu einem einheitlichen Volk, den Germanen. So einheitlich waren sie aber nicht. Ständig gab es Konflikte unter den verschiedenen Stämmen. Und auch deren präzise Bestimmung ist schwer. Wer gehörte beispielsweise zu den Brukterern? Wo lebten die Eburonen wirklich? Woher kamen die Ubier? Aus archäologischer Sicht können wir die verschiedenen Stämme nicht identifizieren. Wir finden bestimmte Verbreitungsmuster unterschiedlicher Schmuck- oder Bestattungsformen. Diese Muster lassen sich aber keinem Stamm zuordnen.

"Die" Germanen bleiben ein Konstrukt der Römer. Ob sich diese Gruppe von Menschen auch selber als Germanen bezeichnet hätte, wissen wir nicht. Schriftquellen gibt es nicht, es bleibt uns nur der Name, den uns die Römer überliefert haben. Letztlich sind die Germanen also nur römische Fabelwesen, wie sie auch Arnold Böcklin 1958 gemalt hat. Ob er den Germanentopos bewusst benutzt, wie das in seinem Spätwerk oft der Fall ist, um seinen Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten, bleibt unsicher. Angesichts der aufkeimenden Diskussion um eine deutsche Leitkultur steckt in Böcklins Werke eine Mahnung, mit Konstrukten von Tradition und kultureller Identität vorsichtig umzugehen. Dies umso mehr, als dass das Werk 1968 aus dem Central Collecting Point München an das Wallraf-Richartz-Museum überstellt wurde. Unter anderem dort waren nach dem Krieg jene Werke zusammengetragen worden, die die Nationalsozialisten zusammengeraubt hatten und die Teil eines gigantischen Museumsprojektes Hitlers in Linz werden sollten. Böcklins "Germanen" waren Bestandteil dieses "Sonderauftrags Linz".

D. Felthaus