Sie folgten dem Stern ...

Bild der 01. Woche - 2. Januar bis 8. Januar 2017

Anbetung der Könige, Mitteldeutschland (?), um 1400. Tempera auf Eichenholz mit Göldgrund, 55 x 38 cm, Inv.-Nr. WRM 336 (Foto: RBA)

Tausende kleiner Trupps von Jungen und Mädchen laufen heute durch die Straßen, klingeln an Türen, singen Lieder, bekommen Geldspenden und Süßigkeiten und hinterlassen schließlich an Türstöcken oder -blättern eine Aufschrift oder einen Aufkleber: 20*C+M+B+17. Die Sternsinger sind unterwegs, insgesamt etwa 300.000 in ganz Deutschland. Die Aktion dient einem guten Zweck, denn die Spenden fließen dem Kindermissionswerk zu, das es in diesem Jahr in den Kampf gegen die Folge des Klimawandels investiert, unter denen vor allem jene leiden, die ihn nicht verursacht haben.

Die Sternsinger erinnern an die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar, daher wird die genannte Inschrift auch oft als Abkürzung ihrer Namen gelesen. Aber: weit gefehlt. Der Stern steht für den Stern, dem die Weisen aus dem Morgenland gefolgt sind. Zugleich ist er Zeichen für Christus. Die Buchstaben C+M+B sind eine Abkürzung für die lateinischen Worte „Christus Mansionem Benedicat“ – Christus segne dieses Haus. Die drei Kreuze schließlich bezeichnen den Segen: im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Nun sind es im Neuen Testament aber keine Könige, schon gar nicht drei, und sie tragen auch keine Namen. Im Matthäusevangelium (Mt 2) heißt es lediglich: „(1) Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten … (9) Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. (10) Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. (11) Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar“.

Von drei Magiern ist erstmals in den Schriften des Kirchenlehrers Origenes (185-254) die Rede, wohl wegen der drei Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im 6. Jahrhundert wurden aus den Magiern oder Sterndeutern dann Könige. So ließ sich eine Stelle in Psalm 72 auf die Geschichte der Magier beziehen: " (10) Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. (11) Alle Könige müssen ihm huldigen, alle Völker ihm dienen". Ebenfalls im 6. Jahrhundert tauchten auch Namen für die drei auf: Melichior, Bithisarea und Gathaspa, die im Laufe der Zeit zu Caspar, Melchior und Balthasar wurden.


Die Ikonographie des Mittelalters sorgte nun für eine Ausgestaltung der Bildwelt. Die Könige konnten für verschiedene Erdteile oder Altersstufen stehen, sie symbolisierten mit ihrem Gefolge den Reichtum der Welt, der vor einem kleinen Kind das Knie beugt, sie boten malerische Herausforderungen aller Art. Unser Bild der Woche arbeitet ebenfalls mit einigen dieser Elemente. Die ganze Szenerie, bei der sich die Könige mit ihrem Gefolge im Hintergrund von rechts dem einfachen Stall nähern, ist vor einem Goldgrund wiedergegeben. Er macht deutlich, dass wir es mit einer überweltlichen Darstellung zu tun haben. Die reiche Kleidung der Könige fällt in schweren Falten zu Boden. Farbe, Brokat und Hermelin unterstreichen die Kostbarkeit der Stoffe die im augenfälligen Gegensatz zur schlichten Darstellung der Heiligen Familie steht.

Die beiden Dreiergruppen entsprechen sich in ihrer Symmetrie und berühren sich, wörtlich gesprochen, in einem winzigen Detail: Der älteste König berührt den Finger des Kindes. Darin manifestiert sich eines der Glaubensgeheimnisse: Gott ist Mensch geworden. Der Magier kann Gott "begreifen" und damit bezeugen, dass er wirklich auf dieser Welt erschienen ist. Erscheinung heißt auf griechisch "Epipháneia", latinisiert "Epiphania", und dies ist auch die kirchliche Bezeichnung des Festes der Heiligen Drei Könige": Epiphanie. Links oben erscheint ein Engel mit einem Spruchband: "gloria in excelsi[s Deo] - Ehre sei Gott in der Höhe" und verweist auf die göttliche Herrlichkeit als Gegengewicht zu irdischem Prunk. 

Während im nordalpinen Raum die Sternsinger sich auf den Weg machen und heute Geschenke einsammeln, die sie weiter tragen, steckt wird in einem italienischen Brauch der lateinische Name des Festes noch spürbar. Vor allem in Süditalien bekommen die Kinder ihre Geschenke nicht an Weihnachten, sondern am Dreikönigstag von einer guten Fee, Befana, geschenkt. Das ist eine Verballhornung des Begriffs Epiphanie.

Wenn Sie heute die Sternsinger hereinlassen, dann stellen Sie einen Bezug zu einem anderen Brauch her. Mit der Anrufung der Könige verband man früher einen Abwehrsegen gegen alles Unheil für Haus und Hof im kommenden Jahr. Dazu wurden die Anfangsbuchstaben ihrer Namen C+M+B auf die Türbalken geschrieben. Heute ist es eben ein Aufkleber.

M. Hamann