„Mama, mir wore fringse!“

Bild der 52. Woche - 26. Dezember bis 1. Januar 2017

Becker, Raffael; Köln hatte seinen unerschrockenen Kardinal Frings, der in der großen Notzeit das Kohlenklauen erlaubte: „Mama, mir wore fringse!“,1946, Zeichnung,Inv.-Nr. G 28329 (Foto: RBA), Kölnisches Stadtmuseum

„Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“. So sprach der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings in seiner Silvesterpredigt am 31. 12. 1946 in der St. Engelbert Kirche in Köln-Riehl. Aufgrund von Beschädigungen in Folge des Zweiten Weltkrieges musste er dort zelebrieren, da der Kölner Dom nicht benutzbar war.

Seit Wochen herrschte ein strenger Winter in Deutschland, dessen Ende nicht abzusehen war. Die Mehrheit der Kölner Einwohner lebte in den Ruinen ihrer Häuser, ohne ausreichende Versorgung mit Nahrung, Heizmitteln oder Kleidung – die allgemeine soziale Lage war extrem schlecht.

Die Nöte der Bevölkerung mit den Ansprüchen der theologischen Auslegung der Bibel zu vereinbaren, ist schon in guten Zeiten nicht immer ein einfaches Unterfangen, aber in Notzeiten wie diesen wird die Religion noch stärker als zuvor zum Anker und Halt vieler Menschen. Dafür muss sie die richtigen Worte finden, was dem beliebtesten Kölner Erzbischof in dieser Predigt gelungen ist.

Joseph Kardinal Frings wurde am 6. Februar 1887 als Sohn eines Textilfabrikanten in Neuss geboren. Er absolvierte ab 1905 ein Studium der Theologie in Bonn, Innsbruck, München und Freiburg/Breisgau und schloss 1916 mit einer Promotion ab. Seit seiner Priesterweihe 1910 war er immer in Kölner Gemeinden tätig und galt schon zu dieser Zeit als volksnaher Geistlicher Insbesondere ein Blick für die Sorgen und Nöte der Gemeindemitglieder zeichnete ihn aus. Diese Anteilnahme, verbunden mit einer intensiven Gewissenserforschung, bewog ihn, die weithin bekannte Silvesterpredigt zu den Zehn Geboten halten.

Nicht leichtfertig, so zeigen seine handschriftlichen Aufzeichnungen, legitimierte er den geistigen Bruch des 7. Gebots „Du sollst nicht stehlen“. Obwohl er diese Erlaubnis streng einschränkte: „Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist. Und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott.“, setzte infolge seiner Ansprache ein ausgreifender Kohlenklau in deutschen Großstädten ein, der im Volksmund seither unter dem Wort „fringsen“ bekannt ist.

Viele der damaligen Kindergeneration hat diese Zeit sehr geprägt. Sie können sich noch gut an die Mischung aus Verbotenem und Notmaßnahme erinnern, die den Kohlenklau begleitet hat. Auch der Kölner Künstler Raffael Becker, geboren am 16. März 1922, greift das Motiv in seiner Zeichnung von 1946 auf. Der gelernte Dekorationsmaler widmete sich nach seiner Teilnahme als Soldat am Zweiten Weltkrieg, ganz der Kunst und fertigte zahlreiche Skizzen und Studien an. Besonderes Motiv seiner Arbeit war das Kölner Alltagsleben in der zerstörten Stadt. 26 seiner Zeichnungen, zumeist in schwarzweiß, übergab er als Schenkung dem Kölner Stadtmuseum. Sie sind ein beeindruckendes Zeugnis aus einer nur schwer in Worte zu fassenden Zeit der deutschen Geschichte.

J. Uebing