Schnee in Köln?

Bild der 02. Woche - 9. Januar bis 15. Januar 2017

Heinrich Hintze: Köln, Groß Sankt-Martin im Schnee, 1832, Öl auf Leinwand, 45,5 x 31 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Gemäldesammlung, Inv.-Nr. WRM 2590 (Foto: RBA Köln)

Wünsch, Anton: Groß Sankt Martin, 1827, Lithographie, Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. A I 3/638 (Foto: RBA Köln)

 

In der Regel bleibt Köln ja von Schnee weitgehend verschont, so auch in diesem Winter. Dies gilt aber nicht immer, wie unser Bild der Woche zeigt, denn die Straßen und Dächer auf dieser Kölner Altstadtszenerie sind schneebedeckt. Der Betrachter steht auf der fast zu einem Platz erweiterten Mauthgasse im Martinsviertel und schaut von Norden auf den hoch aufragenden Vierungsturm von Groß St. Martin, der die giebelseitig zur Straße stehenden Häuser rechts und das Stapelhaus links mächtig überragt. An dem massiven romanischen Bau fehlen die beiden westlichen Ecktürme, die die Haube des Vierungsturmes flankierten. Der südwestliche Turm war 1527 eingestürzt, der nordwestliche 1789 aus statischen Gründen abgetragen worden. Der hohe Turmhelm setzt sich gegen den dramatisch beleuchteten Himmel ab, an dem schlechtes Wetter droht. Hinter dem Helm bricht gerade Licht durch die hellen Wolken, der Treppenturm des Stapelhauses wird dagegen von dunklen Partien hinterfangen, die den ruinenhaften Charakter des Baus unterstreichen. Auf der breiten Gasse vor dem Architekturprospekt erscheint ein Gespann, das sich den Weg durch den Schnee bahnt und das Interesse eines Hundes weckt. Passanten stehen als Staffage in Hauseingängen, Handwerker sind im Gespräch wiedergegeben, ein zweites Fuhrwerk verlässt gerade ein ummauertes Gelände direkt vor dem Stapelhaus. Es ist offensichtlich, dass das Interesse des Malers nicht den Einwohnern des Martinsviertels gilt, sondern der effektvoll in Szene gesetzten Architektur der Vergangenheit.

Das Gemälde stammt von Johann Heinrich Hintze (1800 - 1861), einem Berliner Künstler, dessen Ausbildung als Porzellanmaler an der Königlichen Porzellan-Manufaktur wohl sicher zu seiner Detailtreue beiträgt. Mit 20 Jahren verließ er die preußische Manfaktur und begann seine erfolgreiche Karriere als Landschafts- und Architekturmaler. Aufträge des meckenburgischen und preußischen Adels sorgten für ein respektables Auskommen, und seine Denkmälerkenntnis konnte Hintze auf zahlreichen Reisen vertiefen, die er zwischen 1820 und 1830 unternahm und die ihn auch an den Rhein führten. Danach war er in Berlin ansässig und widmete sich seinem Hauptthemengebiet, dem Stadtbild und der Umgebung Berlins. Vereinzelt enstanden jedoch auch noch Ölbilder, die andere Motive zeigen - darunter unsere Ansicht aus dem Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud.

Man könnten meinen, Hintze habe seine Erinnerung bemüht oder seine Reiseskizzen verwertet, um die Szenerie im Martinsviertel nun in Öl festzuhalten. Tatsächlich jedoch stammt das Vorbild zu seiner Winteransicht aus der "Sammlung von Ansichten öffentlicher Plätze, merkwürdiger Gebäude und Denkmäler in Köln", die der damalige Kölner Stadtbaumeister Johann Peter Weyer 1827 veröffentlichte (zum Digitalisat). Die Lithographien darin hat Anton Wünsch geschaffen, und sie erweisen sich als recht verlässliche Dokumente zum damaligen Köln. Das Fehlen der beiden Flankentürme an Groß St. Martin sind ein pitteroskes Element in der Stadtsilhouette, ein gerade in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beliebtes Kölnmotiv. Interessanter ist jedoch der bauliche Zustand des Stapelhauses. Der in hellen Quadern errichtete und an den Ecken mit Backsteinen eingefasste Bau wirkt desolat. Dazu trägt der Eckbereich bei, an dem der Turm, der einst von den noch vorhandenen Säulen getragen wurde, fehlt. Dahinter ist ein achteckiger Treppenturm zu erkennen, dessen Dach fehlt. Wer das heutige Stapelhaus kennt, dem wird dieses Turmmotiv bekannt sein, der dort erhebt sich ein markanter Treppenturm mit einem umlaufenden Ornamentfries an der südlichen Stirnwand. Das Gebäude, das Wünsch und nach ihm Hintze festgehalten haben, ist jedoch der Vorgängerbau.

Das Stapelhaus hatte 1815 mit dem Wiener Kongress und der damals formulierten Aufhebung des Stapelrechts seine eigentliche Bedeutung verloren. 1831 war die Mainzer Akte in Kraft getreten, womit ein stark vereinbartes Zollverfahren einherging. Somit war das Handelshaus im Grunde überflüssig geworden und wurde von Johann Peter Weyer in den 1830er Jahren umgebaut. der Stadtbaumeister griff das Motiv des Treppenturms wieder auf. Zuvor noch auf der Längsseite gelegen und hier im Bild zu sehen, wanderte er nun an die Stirnseite. Auch das Motiv der Ecktürmchen findet sich im späteren Gebäude wieder.

Nun liegt jedoch auf Hintzes Stadtansicht Schnee, während die Lithographie ein sommerliches und lichterfülltes Martinsviertel zeigt. Hierin offenbart sich der grundsätzliche Unterschied zwischen den beiden Kölnvorstellungen. Die Graphik von Wünsch diente in Weyers Publikation als Illustration der glorreichen Vergangenheit, während Hintze den Niedergang einstiger Größe beschwört. Dazu passt auch das winterliche Kleid, das er Köln anzieht. Hier zeigt sich, ebenso wie in der Dramatik des Himmels, ein romantischer Zug. Der Schnee im Bild ist wohl eine romantische Vorstellung - wie er dies auch in diesem Winter wohl bleibt.

M. Hamann