Trutzburg mit Aussicht

Bild der 08. Woche - 20. Februar bis 26. Februar 2017

Hausbauurkunde von Nicolaus Agust Otto, ausgestellt am 25. Mai 1885; Zeitgenössische Abschrift. Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln

Heumarkt, südlicher Teil, um 1930. Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung o.I. (Foto: RBA Köln). Das Ottosche Anwesen ist das 3. von rechts.

Zum dritten Mal präsentieren das Kölnische Stadtmuseum und das Römisch-Germanische Museum in ihrer Ausstellungsreihe „Drunter und Drüber. Schauplatz Kölner Geschichte“ ein typisch kölsches Veedel. Diesmal geht es um den Heumarkt. In einer kleinen Serie widmet sich das Bild der Woche einzelnen Aspekten der Ausstellung. Diesmal geht es in die Wirtshaftsgeschichte der Gründerzeit ...

Zu den berühmtesten Bewohnern des Heumarktes zählt sich Nicolaus August Otto (1832-1891), der Erfinder des gleichnamigen Motors. Unter seinem Namen gründete er mit Eugen Langen 1864 ein Unternehmen, aus dem die Motorisierung der Welt hervorging – die heutige Deutz AG. Auch Gottlieb Daimler arbeitete bei Otto und Langen. Bis er nach einem Streit 1882 die Deutz AG verließ, nach Canstatt zog und dort das Automobil erfand. 1869 kaufte die Deutz AG ein Gelände in Deutz. 1872 wandelten die Inhaber den Firmennamen mit Bezug auf den damals noch selbstständigen Ort in „Gasmotorenfabrik Deutz AG“ um. 1876 entwickelte Otto den Viertaktmotor zur Patentreife – das Produkt brachte ihm Weltruhm. Über 30 000 Motoren dieser Art waren bis zum 25-jährigen Jubiläum 1889 verkauft worden. Der Erfinder und Unternehmer wohnte in seiner Direktorenvilla auf dem Werksgelände, die ihm jedoch mit wachsendem Reichtum nicht mehr genügte. Er wollte mit seiner vielköpfigen Familie repräsentativ in der Stadt wohnen.

1882 kauften Otto und seine Frau Anna geb. Cossi – die beiden hatten sich während des Kölner Karnevals kennen gelernt – auf dem Heumarkt zwei Häuser auf dem Heumarkt. Die Ortswahl hatte sicher auch mit der Nähe der Deutzer Schiffbrücke zu tun, die von dort leicht zu erreichen war und eine rasche Verbindung zum Motorenwerk herstellte. Die alten Häuser am Heumarkt wurden abgerissen und es entstand ein imposanter Eckneubau, der so gar nicht der Architektur der Umgebung entsprach. War die Westseite des Heumarktes bis zu dieser Zeit geprägt von einfachen Bürgerhäusern, eher klein und bescheiden, bewohnte der berühmte Unternehmer nun fast eine Trutzburg. Der Hausbau führte auch zu öffentlichen Diskussionen, die aber verhallten. Erhalten blieb eine zeitgenössische Abschrift der Hausbauurkunde, die in einem Exemplar bei der Grundsteinlegung am 23. Mai 1883 in die Fundamentmauer eingelegt worden war. Die dortige Abbildung des Ottoschen Hauses zeigt deutlich den Unterschied zu den nördlichen Nachbarhäusern.

Für den Bau engagierte Otto Franz Schmitt, Architekt und Kirchenbaumeister sowie später Dombaumeister in Straßburg. Die Aufteilung der Räume gab Otto vor. Schmitz entwarf das haus in Formen der deutschen Neorenaissance. Als Baustoff verwendete er Basaltlava, Mosel-Sandstein und gepresste Ziegel. Unter den genannten Bauhandwerkern findet sich auf der Hausbauurkunde auch der Kölner Bildhauer Wilhelm Albermann. Am Haus ließ Otto ein Relief anbringen, das den Erfinder der Dampfmaschine James Watt zeigte. Im Erdgeschoss waren neben Wohn- und Speisezimmer noch ein Salon und ein Speisesaal eingerichtet. Küche, Bügelzimmer und Spinde befanden sich im hinteren Trakt. In der ersten Etage zum Heumarkt präsentierte Otto seinen gesellschaftlichen Aufstieg und seinen Wohlstand mit einem dreiflügeligen Saal mit Balkon und Erker. Hierher lud die Familie Otto Gäste zu den Rosenmontagszügen ein. Hinter dem Saal lagen Arbeits-, Wohn- sowie nur ein Kinderzimmer. Dies war erstaunlich, denn zu Zeiten des Baus hatte das Ehepaar Otto fünf Kinder. Vermutlich waren weitere Wohnräume in der zweiten Etage untergebracht, deren Grundriss auf der Urkunde nicht zu sehen ist. Unter dem Dach wohnte, wie damals üblich, das Personal. Hinter dem Haus lagen ein Hof und daneben, hinter dem Nachbarhaus am Heumarkt, ein Garten mit Rundweg, zu dem einige Stufen hinabführten.

Otto war Autodidakt, an gesellschaftlichem Umgang nicht interessiert und nicht im Kölner Wirtschaftsleben vernetzt – der Neubau diente neben dem notwendigen Raum für die Familie vor allem der Zurschaustellung des erlangten Reichtums. Lange hat Otto dieses Domizil nicht genießen können. Am 26. Januar 1891 starb er in seinem Haus am Heumarkt, Seine Witwe lebte hier bis zu ihrem Tod 1914, die Erben verkauften es später an die Stadt. Im Zweiten Weltkrieg wurde es schließlich zerstört.

U. Soénius