Suebische Mütter (zur Ausstellung "Der Heumarkt")

Bild der 06. Woche - 6. Februar bis 12. Februar 2017

Weihealtar des L. Flavius Quietus für die suebischen Mütter, gefunden auf dem Heumarkt. Kalkstein, um 180 n. Chr. (Foto: RBA Köln)

Zum dritten Mal präsentieren das Kölnische Stadtmuseum und das Römisch-Germanische Museum in ihrer Ausstellungsreihe „Drunter und Drüber. Schauplatz Kölner Geschichte“ ein typisch kölsches Veedel. Diesmal geht es um den Heumarkt. In einer kleinen Serie widmet sich das Bild der Woche einzelnen Aspekten der Ausstellung. Wir starten in römischer Zeit ...

Römer und Germanen, Kelten und Griechen - von Anfang an war Köln Drehscheibe und Schmelztiegel von Menschen aus allen Gebieten des Imperium Romanum. Von einigen sind Namen und Herkunft auf Grabdenkmälern und Weihesteinen überliefert. Die Anwesenheit germanischer Sueben im römischen Köln kann durch insgesamt sieben Inschriftensteine belegt werden, deren schönster und am besten erhaltener 1996 auf dem Heumarkt ausgegraben wurde. Der Weihaltar aus dem frühen 3. Jahrhundert n. Chr., im Ausbruchsgraben einer römischen Mauer entdeckt, war als Baumaterial aus einem Tempel verschleppt und zu unserem Glück weder in handliche Stücke zerhackt noch in eine Mauer vermörtelt worden. Die Weihinschrift gilt MATRIBVS SVEBIS, den suebischen Müttern. Ihnen, seinen Heimatgottheiten, stiftet L(ucius) FLAVIVS QVIETVS den Altar. Die Buchstaben L und M am Schluss der Inschrift bedeuten, dass Quietus den Weihestein gerne (Libens) und nach Verdienst (Merito) der Mütter gestiftet hat. Er löste damit nach dem Prinzip des »do ut des« - ich gebe, damit du gibst - ein Versprechen gegenüber den Göttinnen ein, nachdem diese sein Gebet erhört hatten.

Die Schauseite des Weihaltars ist mit seinen rahmenden, mit Blätterkelchen geschmückten Pilastern Pilastern und dem Sprenggiebel wie ein kleiner offener Tempel (Aedicula) gestaltet. Das »Tempeldach« zeigt, wie die Oberseite eines Altars, kissenartige, rosettengeschmückte Aufsätze an den Seiten. In der Mitte dazwischen liegen in Dreierreihen neun runde Früchte. Die drei göttlichen suebischen Mütter thronen in einer muschelüberspannten Nische. Sie sitzen nebeneinander auf einer Bank und halten auf ihrem Schoß mit Früchten gefüllte Schüsseln. Über einem Untergewand tragen sie einen symmetrisch umgelegten Mantel, der mit einer großen Gewandspange auf der Brust geschlossen ist. Jede der Frauen ist mit einem breiten Halsreif geschmückt, jedoch nur die beiden äußeren tragen eine Haube. Das Inschriftfeld ist durch seine obere und untere Profilierung wie ein Sockel gestaltet, der die Gruppe der Göttinnen trägt. Der Weihestein orientiert sich damit in seiner Gestaltung an einem großen Kultbild der Matres (Suebae?) in einem bisher noch nicht lokalisierten Tempel im römischen Köln.

Die suebischen Matres gehören zu den mehrzahligen Göttinnen, die in Köln und in Niedergermanien synonym als Matres (lat.: »Mütter«) oder Matronae (kelt.: »Mütter«) verehrt werden. Sie erscheinen fast immer im selben Bildnistyp: in der Dreizahl, thronend, in einheimischer, niemals in römischer Tracht, mit Früchten auf dem Schoß, mit einer mädchenhaften Göttin in der Mitte und zwei Hauben tragenden Göttinnen zu den Seiten. Die Inschriften unterscheiden zwischen Matres und Matronae und überliefern die zahlreichen einheimischen, d. h. germanischen oder keltischen Beinamen der Göttinnen. Die Beinamen erläutern Eigenschaften der göttlichen Frauen oder lassen auf eine jeweils spezielle Funktion als Schutzgottheiten für Familien und Sippen, Gewässer und Landstriche, Bäume und Pflanzen, Siedlungen, Provinzen und Länder, Stämme und Stammesverbände schließen. Im Unterschied zu den Matronen sind die Matres ausschließlich für Territorien, Stämme und Stammesverbände zuständig. So wie bei dem Weihestein vom Heumarkt, der den Matres der germanischen Sueben gewidmet ist.

Die Sueben siedelten zwischen Ostsee und den westdeutschen Mittelgebirgen in der Germania magna. Zu ihnen gehören u.a. die Stammesgruppen der Semnonen, Juthungen und Markomannen. Allgemein bekannt sind die Sueben, in deren Namen schon unser Wort für »Schwaben« anklingt, durch den berühmten (typischen) »Suebenknoten«, der eigenartigen Haartracht ihrer Kriegereliten. Als Suebe gibt sich auch Quietus durch die Stiftung des Weihesteins für die suebischen Mütter zu erkennen. Er ist nicht der einzige Suebe, der den heimatlichen Muttergottheiten im römischen Köln einen Weihestein setzte. Seinem Beispiel folgten mehrere Zeitgenossen  im römishen Köln. Hunderte inschriftlicher Weihungen an die Matres und Matronen sind bisher in Niedergermanien gefunden worden. Weihinschriften für die suebischen Mütter jedoch gibt es nur in Köln. Allerdings ist nicht zu erkennen, ob die Stifter dieser Weihesteine sich nur zeitweise in Köln aufhielten (z. B. als Händler) oder ob sie Mit¬glieder einer suebischen Gemeinde in Köln waren. Zeitweilig ansässig war jedenfalls ein suebischer Gardesoldat des Statthalters, der einen nur unvollständig erhaltenen Inschriftenstein setzte. Der Leibwächter, der seine suebische Herkunft eigens angibt (cives suebis), weihte den Stein einer unbekannten Gottheit auch im Namen von Kameraden oder Vereinskollegen, die wie er aus dem suebischen Lopodunum stammten, dem heutigen Ladenburg am Neckar.

Alle sechs Kölner Weihaltäre für die suebischen Mütter stammen aus der ers¬ten Hälfte des 3. Jahrhundert n.Chr. Ihre Fundplätze verteilen sich auf den östlichen Teil der Stadt. Sie waren als Baumaterial zweckentfremdet dorthin gelangt. Die schweren Steine werden jedoch nicht allzu weit transportiert worden sein, so dass ihr ursprünglicher Aufstellungsort ebenfalls im Ostteil des römischen Köln zu suchen sein wird - in der Nähe des Hafens und des Statthalterpalastes.

M. Euskirchen