Vom Heumarkt an die Seine

Bild der 07. Woche - 13. Februar bis 19. Februar 2017

Unbekannter Künstler: Steinweg, vom Marsplatz aus gesehen, Bleistift auf Papier, 1864. Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung (Foto: RBA Köln)

Zum dritten Mal präsentieren das Kölnische Stadtmuseum und das Römisch-Germanische Museum in ihrer Ausstellungsreihe „Drunter und Drüber. Schauplatz Kölner Geschichte“ ein typisch kölsches Veedel. Diesmal geht es um den Heumarkt. In einer kleinen Serie widmet sich das Bild der Woche einzelnen Aspekten der Ausstellung. Diesmal geht es in die Franzosenzeit ...

Mit Bleistift hat ein unbekannter Künstler im Jahre 1864 den Steinweg festgehalten. Man blickt auf eine unregelmäßig bebaute, von Fachwerk-und Steinhäusern gesäumte schmale Gasse. Der Heumarkt liegt zwar nur um die Ecke, doch von den prächtigen Patrizierhäusern, die dort den Platz zu räumen, ist hier nichts zu sehen. Das Heumarktviertel beschrieb ein Reisender um 1800: „Man ist herzlich froh, wenn man durch diese engen Löcher hindurch ist, in der freien heiteren Luft am Rheine befindet.“

In dieser Gegend wuchs eine der größten Kölner Gelehrten, Ferdinand Franz Wallraff, auf. Manchmal fand die Mutter frühmorgens im Haus der Familie am Steinweg 14 ihren kleinen Sohn eingeschlafen über dicken Büchern, die er in sein Dachstübchen geschleppt hatte. Da war der Zwölfjährige schon Klassenprimus am Gymnasium und büffelte Latein. Geboren wurde er am 20. Juli 1748, getauft einen Tag später in Klein St. Martin. Vater Kaspar war Schneider, Mutter Anna Elisabeth immerhin Tochter eines wohlhabenden Brauers. Die Schneiderei florierte mit Klerikern der Domkirche als Stammkunden. Den Jungen prägten katholische Frömmigkeit und Kölner Bürgerstolz – später wähnte er, der Name des Vaters gehe auf Kölner Patrizier und der der Mutter auf den Humanisten Nettesheim zurück. Als er 1767 seinen Schulabschluss machte, war klar: Schneider sollte er nie werden, diese Tradition setzte der Ehemann der Schwester fort. Für ein Studium fehlte das Geld, er verdingte sich als Privatlehrer. Eine katholische Karriere mit Aussichten auf Pfründe musste her. So erhielt er mit 15 die niederen Weihen, mit 21 wurde er Priester – und Professor.

Inzwischen waren die Wallrafs umgezogen, ein paar Häuserblöcke weiter, Unter Goldschmied, bei der Kirche Sankt Laurenz, als Nachbarn der Familie Menn. Bei Frau Menn, geb. Schauberg, Erbin des Kölner Druckhauses, herrschte Aufbruchsstimmung, Aufklärung und Vorliebe für antike und Kunst. Hier war selbst Goethe zu Besuch, hier ging der junge Wallraf ein und aus, hier riet man ihm, in Medizin zu promovieren. 1784 sicherte die Stellung als Kanoniker von St. Maria im Kapitol seinen Lebensunterhalt. Als Professor für Botanik lehrte er auch Naturgeschichte und Ästhetik. Der Schneidersohn aus dem Heumarktviertel avancierte zum weit über Köln hinaus bekannten Gelehrten. Nun unterrichtete er die jüngere Generation.

Mit der Ankunft der Franzosen 1794 zog die Moderne ein: Standesdünkel, Zunftszwang und katholische Vorherrschaft waren passé. Wallraf formulierte 1804 sogar Hymnen für Napoleon, der die jungen Kölner für die Grande Armée verpflichtete. Für Bürgerkinder eröffnete die Neuzeit aber auch große Chancen. Zwei Beispiele aus Wallraffs unmittelbarer Nachbarschaft mögen dies belegen.

In den Gassen des Heumarktviertels lebte seit dem 17. Jahrhundert auch die Familie Gau. Franz Christian Gau, getauft am 15. Juni 1789 in Sankt Laurenz, war Metzgerssohn. Wenige Häuserzeilen weiter, am Heumarkt unterhalb der Kirche Klein St. Martin, lebte Alexander Hittorf, genannt „blecherne Alexander“, da er wie seine Vorfahren Blechnermeister war. Am 20. August 1792 brachte seine Frau Maria Agnes geborene Hansmann den Sohn Jakob Ignaz zur Welt – als einzigen Nachkommen, der das Kindesalter überlebte.

Beide wurden Schüler von Wallraf, der sie in Kursen über schöne Künste um sich scharte, in die „Olympische Gesellschaft“ einlud, mit Kölner Bankiers und Literaten bekannt machte und sie ermunterte, zum Studieren in die Hauptstadt zu ziehen. Die Hauptstadt, das war Paris. Köln war damals noch mittelalterlich geprägt – Paris das kulturelle und moderne Zentrum Europas. Im Spätherbst 1812 trafen die Kölner in Paris ihren Lehrer Wallraff wieder, der, von „der Begierde überwältigt, auch einmal die Hauptstadt und das Museum aller Welt zu sehen“, in Paris „wieder jung“ geworden war im Kreis seiner Schüler, die „ihn stets wie die Küchlein die Henne umgaben“. Beide Schüler machten in Paris Karriere: Hittorf als Architekt, Gau als Reisender, der bis nach Nubien kam.

Zurück zum Heumarktviertel, zur Keimzelle der Familie Wallraf. Die Eltern starben 1784, die Ehe der Schwester war unglücklich, ihre drei Söhne und Töchter „verdorbene Geschöpfe“. Wallraf musste für die ihn anbettelnde Verwandtschaft sorgen. Seinen Neffen Ferdinand sah er als Erben seiner unzähligen Kunstschätze. Doch als diese durch „Jugendverführung“ und Diebstahl glänzte, beschloss der eigensinnige Onkel 1816 seine Schätze nicht der missratenen Familie zu vermachen, sondern der Stadt Köln. Hieraus sind später die Kölner Museen hervorgegangen.

M. KrampM. Hamann