Alles Riphahn?!

Bild der 50. Woche - 16. Dezember bis 22. Dezember 2013

Wilhelm Riphahn 1951
Fotografie, 39 x 29 cm
Kölnisches Stadtmuseum

Beschäftigt man sich mit der Kölner Architektur der Zeit zwischen dem 1. Weltkrieg und 1960, gewinnt man den Eindruck, alle wichtigen Bauten wurden nach Plänen von Wilhelm Riphahn errichtet. Oper und Schauspielhaus sind weithin bekannt, aber er zeichnete auch für zahlreiche Siedlungs-, Privat- und Geschäftsbauten (nicht nur in Köln) verantwortlich.

Wer war dieser Dr. ing. h. c. Wilhelm Riphahn, Träger des Großen Kunstpreises von Nordrhein-Westfalen, der vor 50 Jahren am 27. Dezember 1963 starb und der mit der „Riphahnenstraße“ einer zentralen Achse des Wiederaufbaus zu ihrem Spitznamen verhalf?

Geboren wurde er am 25. Juli 1889 als Sohn einer Kölner Architekten- und Bauunternehmerfamilie. Nach der Oberrealschule besuchte Wilhelm die Kölner Baugewerkschule. Es folgten u. a. die Technischen Hochschulen in München, Berlin und Dresden. 1913 kehrte er nach Köln zurück und heiratete Paula Schuhmacher († 1919). Seine Mitgliedschaft im renommierten Ruderklub „Germania“ verhalf ihm zu seinem ersten namhaften Auftrag – ein repräsentatives, neobarockes Klubhaus am Poller Damm. Weitere Bauten folgten, z. B. die noch bestehende Wohn- und Geschäftshausgruppe Ecke Deutzer Freiheit/Justinianstraße, hinter deren historisierender Fassade sich eine hochmoderne Eisenbetonkonstruktion verbarg.
Nach 1918 musste Köln möglichst rasch neuen Wohnraum schaffen. Schon 1913 hatte die eben gegründete gemeinnützige GAG (s. BdW 11/2013) den Essener Architekten Caspar Maria Grod († 1931) mit dem Bau der Siedlung „Bickendorf I“ beauftragt. 1916 trat Riphahn in dessen Büro ein und setzte den Bau der Bickendorfer Siedlung fort. 1919–1921 folgten die „Nibelungensiedlung“ in Mauenheim, an deren knallbunter Farbgebung Franz Wilhelm Seiwert und Heinrich Hoerle mitwirkten. „Bickendorf II“, 1922–1938 ebenfalls im Auftrag der GAG errichtet, übertraf mit 1121 Wohneinheiten an Umfang alles, was bis dahin in Köln von einem einzelnen Architekten geplant worden war. Mit dem „Grünen Hof“ in Mauenheim führte Riphahn 1922–1924 eine Neuerung im deutschsprachigen Raum ein: Ein begrünter Innenhof bildete das Zentrum der Wohnanlage. Ein Höhepunkt dieses neuen Siedlungstyps ist der „Blaue Hof“, 1926 in Buchforst errichtet. Allmählich wandte sich Riphahn der Sachlichkeit zu, wie sie vom Bauhaus vertreten wurde. Großen Einfluss übte auch die Pariser Art-Deco-Ausstellung auf ihn aus, die er 1925 besuchte. Als exemplarisch für Riphahns Stil gilt heute die 1928–1932 errichtete „Weiße Stadt“, ebenfalls in Köln-Buchforst, wo mit St. Petrus Canisius auch Riphahns einziger Sakralbau steht.

Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus setzten Riphahns Tätigkeit im öffentlichen Siedlungsbau zunächst ein Ende. Riphahn wählte jedoch nicht wie viele seiner Kollegen die Emigration, sondern arrangierte sich.

Neben Wohnbauten plante Riphahn auch für Verkehr und Wirtschaft. Auf ihn gingen die Hauptwerkstätten der Straßenbahnbetriebe in Köln-Weidenpesch 1921 zurück. 1923/1924 baute er auf der Caponniere am Rhein das renommierte Restaurantgebäude „Die Bastei“ (s. BdW  48/2008). Dies war sein Durchbruch als zeitgenössischer Architekt. Auch auf der PRESSA war er zu finden. Von ihm stammte der Pavillon des M. DuMont Schauberg-Verlages. Für Sünner baute er ein Rhein-Restaurant, dessen lange Fensterfront einen Blick auf die Kölner Altstadt garantierte. 1930 errichtete er für den Bauunternehmer Robert Perthel das Indanthren-Haus in der Schildergasse (für dessen Wiederaufbau 1951–1954 er ebenfalls verantwortlich war), 1931 folgt das „Ringhaus“ am Hohenzollernring mit dem „Ufa-Palast“, dem ersten von Riphahn entwickelten Lichtspieltheater. Auch das 1939 eröffnete Indanthren-Haus in der Breite Straße ist sein Werk. Im Frühjahr 1939 nahmen Riphahn und seine Frau Ada an einer Werkstudienfahrt der Firma Brügelmann & Söhne in die USA teil, wo ihn vor allem die Rationalisierung und Mechanisierung der Bau-Betriebsabläufe in Hinblick auf Planungen des Hauses Brügelmann interessierten.

Seine große Stunde schlug nach 1945. Wilhelm Riphahn erlebte das Kriegsende mit Frau Ada und Tochter Marlene in Engelskirchen, wo man ihn umgehend mit den Planungen für den Wiederaufbau beauftragte. Voller Elan widmete er sich dem Wiederaufbau des „Trümmerhaufens Köln“. Zum Jahreswechsel wurde er in den Beirat der „Wiederaufbau G.m.b.H.“ berufen. Er plante die Neugestaltung des Griechenmarktviertels ebenso wie ein neues Opernhaus und vor allem die Ost-West-Achse, die Hahnenstraße, die den Kölnern bald als „Riphahnenstraße“ bekannt war. Hier entstanden zwischen 1947 und 1950 die eineinhalbgeschossigen Ladenlokale sowie 1948 die „Hahnentor-Lichtspiele“ – Kölns erster Kinoneubau nach dem Krieg. Das 1950 eröffnete „British Centre – Die Brücke“ war ebenso sein Werk wie das drei Jahre jüngere „Institut Français“ am Sachsenring.

Bereits im Sommer 1948 war der Bau der Sartory-Säle in der Friesenstraße abgeschlossen gewesen, auch das Möbelhaus „Pesch“ wurde von ihm umgebaut. 1950 errichtete Riphahn das Verwaltungsgebäude der Concordia Lebensversicherung AG am Maria Ablaß-Platz, bei dem er erstmals in Köln das Sichtbetonverfahren als gestalterisches Fassadenelement einsetzte, 1951 folgte ebenfalls für die Concordia das Eckhaus Rudolfplatz/Hohenzollernring, dessen bis heute bekanntestes Element die große Werbefläche ist. Der Hochbau mit flachem Annexbau an der Schnittstelle von Neumarkt, Schildergasse und Krebsgasse von 1956 ist ebenso ein Werk Riphahns wie das Theater-Parkhaus. 1958–1962 erweiterte er die Räume der Dresdner Bank Unter Sachsenhausen. Auch der „Antoniterhof“ über der Nord-Süd-Fahrt mit der legendären Wehmeyer-Passage von 1962 wurde von ihm geplant.

Nach langen, kölntypischen Diskussionen um den Bauplatz für ein neues Theater hatte man sich schließlich 1952 auf den Platz des alten Stadttheaters an der Glockengasse geeinigt, 1953 entschied sich die Stadtverordnetenversammlung für einen Neubau der Oper nach Plänen Wilhelm Riphahns. Feierliche Eröffnung war im Mai 1957. 1958 folgten die Opernterrassen, 1962 das Schauspielhaus. Seine letzte Arbeit war das Truppenamt an der Brühler Straße in Raderthal, dessen Fertigstellung er nicht mehr erlebte.

Prälat Hauser schloss seine Predigt beim Trauergottesdienst mit den Worten „Riphahn war ein Baumeister und als solcher hat er unserem Herrgott bei der Erschaffung der Welt geholfen“. Für den Planeten Köln trifft dies auf jeden Fall zu. Die Benennung einer Straße nach ihm gerade in Chorweiler jedenfalls wird seiner Bedeutung für Köln alles andere als gerecht.

R. Wagner