Von Ratsherrn und Propheten

Bild der 5. Woche - 30. Januar bis 5. Februar 2012

Kölnisch um 1414, Acht Propheten aus dem Kölner Rathaus, Eichenholz, Höhe 113-117 cm, Historisches Rathaus der Stadt Köln.

Mit diesen acht Propheten ist eine besonders schöne Gruppe mittelalterlicher Kölner Skulptur erhalten und ihre Botschaften, die an die Ratsherren gerichtet waren, sind damals wie heute aktuell. Propheten oder weise Männer spielten eine wichtige Rolle bei der öffentlichen Repräsentation von Städten und lassen sich – wie die Propheten des Hansasaals im Kölner Historischen Rathaus – häufig in Rathäusern finden. Stilistisch kann man die acht lebhaft agierenden Männer dem Internationalen Stil zuordnen, dem ersten über weite Gebiete Europas verbreiteten gemeinsamen Kunststil: Sie zeigen nicht nur eine gewisse Abhängigkeit von der burgundischen Plastik im Umkreis Claus Sluters oder André Beauneveus, sondern ähneln neben niederländischen Vorbildern auch den etwa zeitgleich und nur noch fragmentarisch erhaltenen, steinernen Propheten und Aposteln des Rathausturmes. Obwohl sie aus Holz geschnitzt sind, erinnern ihre sanft geschwungenen Körper eher an die Steinskulptur der ersten Hälfte des 15. Jhs. und verweisen so stilistisch auf die Arbeiten der Kölner Dombauhütte. Trotz der scheinbaren Individualisierung folgen die Figuren – mit Ausnahme des jugendlich wirkenden Propheten – einem gemeinsamen Schema von gestreckten, sanft geschwungenen Körpern mit schmalen Schultern, deren Köpfe durch lange, voluminöse Bärte und weiche Mützen betont werden. Die stoffreichen und in bewegte Falten gelegten Mäntel und Gewänder sowie die beigegebenen Schriftrollen, die den Bewegungen des Körpers folgen, zeichnen sie als weise, besonnene Männer aus. Besonders interessant ist die motivische Nähe der bärtigen Gesichter zum 1398 datierten Typar der Gaffel vom Eisenmarkt (s. Bild der Woche 16/2003). Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befinden sich die Figuren an der durch Arkaden und mit Maßwerk gegliederten Nordwand des Hansasaals. Damit ist zwar ihre ursprüngliche Funktion erhalten, der Ort ihrer Aufstellung scheint jedoch ein anderer gewesen zu sein. Bereits 1448 wird eine camera prophetarum urkundlich erwähnt – eine Kammer, die die Verbindung zwischen Hansasaal und dem höher gelegenen Ratssaal herstellte und 1414 vollendet wurde. Um 1600 berichtet die „Cronica van der hilliger Stat van Coellen“, dass die Propheten dort auf hölzernen Sockeln zu beiden Seiten der Treppe aufgestellt waren, die die Ratsherren und der Bürgermeister nehmen mussten, um in den Sitzungssaal zu gelangen. Allerdings wären die vollrund gearbeiteten Figuren auch innerhalb eines Ratsgestühls denkbar. Trotz des lebendigen Habitus sind die Figuren blockhaft und in sich geschlossen und scheinen sich gewissermaßen aus ihren runden Plinthen heraus zu entwickeln. Für eine Präsentation etwas über Augenhöhe sprechen v. a. die prominent in das Kompositionsprinzip eingefügten Spruchbänder, denn diese sollten sicherlich für alle gut lesbar gewesen sein: Primum querite regnum die et iustitiam eius (Zuerst suchet das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit) Utilitas publica private semper est preferenda (Das gemeine Beste ist dem persönlichen immer vorzuziehen; auf den Spruchbändern von zwei Propheten zu lesen) Oportet operari consiliata velociter consiliare (Nimm langsam Rat, dann eil’ zur Tat) Derogare cupientes vincit integritas rationis (Die Unversehrtheit der Vernunft überwindet diejenigen, die (das Gesetz) abzuschaffen wünschen) Equ[u]um est necis artificem arte perire sua (Es ist billig, dass ein Meister des Totschlags durch sein eigenes Handwerk umkomme) Fidum sit reipublice co[n]sistor[ium] sile[n]tique salubritate immun[it]um (Es soll keiner aus dem Rat schwatzen) Q(ui) p(ro) re publica perieru[n]t perpetuo vivere intelligunt(u)r (Wer für die Gemeinschaft stirbt, soll ewig leben).

Th. Hensolt