Die geheimnisvolle Schöne

Bild der 47. Woche - 22. bis 27. November 2011

Conrad Meit, Judith, um 1510-15 Bronze, Höhe: 23,5 cm Köln, Museum für Angewandte Kunst, Inventar Nr. H 820
Conrad Meit, Judith, um 1510-15, Marmor bemalt, Höhe: 30 cm, Bayerisches Nationalmuseum, München

Eine junge unbekleidete Frau steht in Stand- und Spielbein-Haltung auf einem unregelmäßigen Terrainsockel. Ihren Kopf, bekrönt von einer aufwendig nach oben gesteckten Zopffrisur, hält sie ihrer Blickrichtung entsprechend nach links unten zum Boden geneigt. So ist es nicht verwunderlich, daß der Eindruck von einer gewissen Schüchternheit entsteht, dem sie jedoch mit kecker Anmut entgegenzutreten scheint. Auffallend ist die herabhängende linke Hand, als auch ihr angewinkelter erhobener rechter Arm, die sie beide zum Griff geschlossen hält. Könnten hier eventuell Attribute fehlen, die das Geheimnis ihrer Identifikation lüften würden? Die kleine Statuette hinterläßt der forschenden Nachwelt offensichtlich Stoff zum Diskutieren. Die von Conrad Meits (um 1475/80-1552) geschaffene Kleinplastik wurde so vielfach als Eva, Venus oder Lukretia interpretiert, doch erscheint die Verkörperung der alttestamentlichen Heldin Judith aus formalen Gründen am einleuchtendsten. Während einer Belagerung ihrer Vaterstadt Betylua ging Judith ins Lager des persischen Heerführers Holofernes und schlug diesem als er nach einem Festmahl mit der Schönen betrunken auf seinem Bett lag den Kopf ab. Auf die Kunde davon flohen die Belagerer, die Stadt war befreit. Vergleicht man unsere Frauengestalt mit der elfenbeinernen Judith Conrad Meits im Bayrischen Nationalmuseum (s. kleines Bild rechts), sind durchaus Bezüge zu erkennen. Schwert und Haupt des Holofernes als Attribute der Münchner Judith ließen sich auch gut auf die Haltung des Kopfes oder die von Armen und Händen unserer "Unbekannten" beziehen. Scheint das Thema des Frauenakts zwar um 1515 in Nordeuropa noch recht gewagt, ist eben darin bereits die Auseinandersetzung mit den Ideen der Renaissance und deren Idealen der Antike sichtbar. Betrachtet man jedoch Körperbiegung, vorgewölbten Bauch und Proportionen des jugendlichen Frauenkörpers, erkennt man noch eine deutliche Verhaftung des Bildhauers in der spätgotischen Tradition. Offenbar herrschte am Hof Margaretes von Österreich in Mecheln, wo Meit als Hofbildhauer tätig war, eine Nachfrage nach neuartigen Formulierungen und Themen. Von der bildenden Kunst wurde das Motiv der Judith im Mittelalter nur selten dargestellt, um so häufiger jedoch dann vom 15. bis zum 17. Jahrhundert, neben Rubens von namhaften Künstlern wie Donatello, Cranach d.Ä., Michelangelo, Tintoretto oder Correggio. So gelang es Conrad Meit, mit seinem Schaffen zu der bedeutungsvollen Wende von der Spätgotik zur Renaissance beizutragen und den Weg bis hin zu den Stiltendenzen des Barock zu ebnen, wo erhöhte Plastizität und die dynamisch schwellende Linie zu wichtigen Ausdrucksmitteln wurden.

K. Laube